12.11.2011
Lieber Ulrich Erben, sehr geehrter Herr Staatssekretär Schumacher, liebe Gäste, - vorweg auch gleich mein Dank an die Gastgeber, dass sie mir diese Rede anvertraut haben.
Auf der kompetent gestalteten Einladungskarte zu dieser Mainzer Präsentation des Malers Ulrich Erben heißt es, dass die Besucher Malerei, Zeichnung und Installation des Künstlers erwarten können. Ich hätte diese drei Werk-Bezeichnungen in anderer Reihenfolge auf den Karton setzen lassen, hätte mit Installation begonnen und dann erst Malerei und Zeichnung angefügt. Warum hätte ich das getan? Was Sie hier vorfinden, liebe Gäste, ist zu allererst Installation, ist eine geglückte Raumgestaltung. Diese Galerie-Räume sind unserem Künstler in der Anordnung ihrer Wände außerordentlich entgegen gekommen bei der Beantwortung der Frage, ob er hier Bildwerke zeigen soll oder einen Raum verwandeln darf. Er hat den Raum verwandelt.
Seit dem Ende seiner Kunststudien 1965 wirkt Ulrich Erben jetzt 4 ½ Jahrzehnte als Maler und Zeichner, aber bereits 1976 drängte es ihn, über das Tafelbild hinaus zu gehen und zu Wandarbeiten und Lichtobjekten zu finden. Drei Jahre später wird für ihn die Raumgestaltung ganz gewichtiger Teil seines Werkes. 1988 malt er dann einen Raum im Museum Koekkoek im niederrheinischen Kleve aus. Bald folgen Aufgaben von Wandgestaltungen in öffentlichen Gebäuden in Hannover und Essen, Stuttgart und Berlin.
Zu seinen ersten Versuchen, Wandflächen eines Raumes so zu verändern, dass man von Raumgestaltung sprechen kann, gehören im Jahre 1979 mehrteilige Papierarbeiten, die lose gehängt wurden und die – anders als unmittelbar auf die Wand gebrachte Malerei – problemlos wieder zu entfernen sind, um den Raum in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuführen.
Eine Weiterentwicklung oder besser: eine Variante dieser Situation finden Sie nun in großen Bereichen der Räumlichkeiten der Bergner + Job-Galerie vor. Mit dem Verfahren, mehrere dieser Ensembles von hochformatigen, rechteckigen Acryl-auf-Papier-Arbeiten lose, aber nach einem klaren Ordnungssystem auf Wände zu hängen, bewirken die Blätter eine vollständige Umgestaltung dieser Wandflächen und damit des gesamten Raumgefüges. Ulrich Erben hat auf diese Weise sieben Wände mit seinen übrigens sehr einfach gestalteten Papierarbeiten verwandelt und somit zugleich einen eindeutigen Schwerpunkt seiner Mainzer Galerie-Installation gesetzt. Er nennt die Arbeit Installation Große Bleiche, er hat sie in diesem Jahr für diese Ausstellung entwickelt. Die übrigen Bildwerke und Zeichnungen spielen ungeachtet ihrer eigenen Ausstrahlung und Gewichtigkeit weitgehend die Rolle von Gästen in diesem Raum-Interieur – gewiss sind es willkommene Gäste. Sie sind ja – ich drücke das mal mit menschlichem Zungenschlag aus – sie sind ja Verwandte dieser Ensembles von Papierarbeiten.
Ich sagte mit Betonung, dass die Art und Weise, wie die im Übrigen gleichformatigen Papiere vom Künstler bemalt wurden, sehr einfach ausgefallen ist. Sie sehen auf jedem Blatt dieselbe Grundanordnung der Farben, die sich vom Rand her als Streifen um einen unbehandelten, ebenfalls rechteckigen Innenraum legen, mit dünner Acryl-Farbe und Pigmenten aus freier Hand gemalt sind, mal schmaler, mal breiter ausfallen, die Malvorgänge gut erkennen lassen und damit der Farbe ein lebendiges Temperament verleihen. Die flüssige Farbe hat die Papiere leicht gewellt, auch das macht diese lebendig. Ihre Einfachheit ist nicht gestalterischer Armut geschuldet, sondern hat Methode. Denn diese bemalten Blätter sind – wie Ihnen gewiss deutlich ist – Bausteine für ein größeres Ganzes. Erst in der Vielzahl der nebeneinander und auch noch voreinander gehängten Papiere ergibt sich das Gesamtgefüge eines vielstimmigen farbigen Spektakulums, eines Schauspiels rein optischer Art. Dort, wo die Papiere voreinander hängen, dürfen sie das allerdings nicht passgenau Bogen vor Bogen, sondern überlappend. Dadurch wird die Schaulust des Betrachters auf einige Blätter einschränkt, aber nur zu Teilen, und zugleich wird sein Seh-Sinn besonders herausgefordert, denn natürlich sieht er dort, wo die farbigen Randstreifen der Papiere teilweise abgedeckt werden, dennoch das ganze Blatt, wenn auch im Geiste, denn sein Auge ergänzt die Malerei auf den Papieren mit der Erfahrung, die Blick und Kopf aus der Ansicht der vollständig sichtbaren Arbeiten gewonnen haben.
Welche Vielfalt der Farben – möchte man sich vor diesen Papier-Ensembles ereifern! Welche Lust auf Farben treibt diesen Maler an, der viele Jahre nur weiße Bilder malte. Aber warum sollte er sich nicht wandeln? Philosophisch gesprochen, ist Malen eine sehr intensive Form von Leben, und so verändert sich Malen, wie sich auch Leben verändert. Maler und Malerinnen gelangen zu einer anderen Kunst, wenn die Summe des Vorangegangenen gezogen ist und Kopf und Empfindung schon lange Zeit nach Neuem gesucht haben und schließlich Formeln dafür finden. Und meistens wächst die neue Kunst aus der alten, aus dem zurückliegenden Werk. Die Farben von Bildern spiegeln auch Erinnerung an Farb-Erlebnisse, tun dies in zeitlichem Abstand zum Erinnerten, sagt unser Maler. Und gelegentlich knüpfen Maler auch wieder an weit Zurückliegendes in ihren Bildwelten an, wenn ihnen deutlich wird, dass sie dazu noch etwas zu sagen haben. So hat Ulrich Erben zwischen 1998 und 2001, Jahrzehnte nach seinen frühen Landschaftsbildern, auch wieder eine Phase neuer Landschaftsdarstellungen in sein Werk eingefügt. Unsere Schau zeigt das nicht, aber dieser Hinweis passt mir gut zu meiner Argumentation über den Wandel von Werkentwicklungen. Ich werde später darauf noch einmal zurückkommen müssen.
Doch weiter zu unserer Ausstellung: Wir finden Erbens Farben-Freude auch bei einigen der Bilder, denen ich den Status gegeben habe, Gäste in dieser Installation zu sein, so zum Beispiel bei den Querformaten 50 x 70 cm, auch 50 x 60 cm, von 2003 und 2004, bei diesen farblich stark aufblühenden Bildern. Aus dieser Serie hängt nur eines in der Ausstellung, ein zweites ist im Kabinett der Galerie, gleich hier rechts neben mir, zu sehen. Ich habe im Atelier des Malers bei meinem Besuch zur Vorbereitung dieser Rede noch einige andere dieser Werke betrachten können, auf denen der oftmals doch sehr streng zuwerke gehende Maler eine ganz wilde Lust im Umgang mit Farben entwickelt, auf deren Leuchten baut, deren Dramatik forciert, deren Lebendigkeit fördert, deren Fließen zulässt und deren Verharren in Kauf nimmt. Er führt uns eine Farbsymphonie in mehreren Sätzen vor, es sind Öl-Arbeiten auf Pergamin, wobei das Pergament nicht unwesentlich zur Farbprächtigkeit beiträgt. Ganz wilde Lust, sagte ich. Im Duisburger Museum Küppersmühle ist derzeit eine große Erben-Ausstellung unter dem Titel „Lust und Kalkül“ zu sehen. Beides vereint sich in diesen Künstler, das lustvolle Ausschweifen und das Ordnungsdenken: auch auf den gerade behandelten Bild-Werken, die ja in der Grundstruktur geometrisch gestaltet sind, also dem Kalkül, der strengen Berechnung unterworfen wurden, die aber vom Farbwillen her von einer unbändigen Lust am Überwuchern aller Grenzziehungen bestimmt werden. Es ist ein Vorgang, den wir auch aus der Natur kennen, wenn etwa im Garten ein präzise abgegrenztes Beet von der Frühjahrsentfaltung der Pflanzen, ihrem Gedeihen und Blühen und Wuchern und vom Wachsen über sich selbst hinaus erfasst wird und die vom Gärtner geschaffene Ordnung nicht mehr sichtbar sein lässt.
Aber diese Farbenfreude unseres Künstlers gilt auch dort, wo der Gestaltungswille nicht dieses Überbordende hat, wo das konstruktive Ordnungssystem zusammen mit dem Auftragen der Farben in großer gemeinsamer Disziplin vonstatten geht, wie dies auf den beiden streng konstruktiven Acryl/Leinwand-Bildern „Ohne Titel“, jeweils 160 x 140 cm, aus dem Jahre 2010 zu beobachten ist. Den Begriff von der gemeinsamen Disziplin habe ich nicht ohne Grund benutzt. Denn weder sind die Formen auf diesen Bildern Erbens den Farben untergeordnet (wie etwa bei Josef Albers „Huldigungen an das Quadrat“ die ineinander gesetzten Quadrate als flächiger Untergrund für nahezu wissenschaftliche Interaktions-Untersuchungen der Farben herhalten müssen), noch sind die Farben auf diesen Bildern Erbens den Formen untergeordnet (wie in weiten Bereichen der konstruktivistischen Kunst). Farben und Formen bilden stattdessen eine Einheit, die auch auf andere Weise noch bekräftigt wird. Denn beide Bilder sehen so aus, als hätte unser Maler ein kleineres Bild ins Zentrum des größeren gemalt und dafür gesorgt, dass sich beide nicht nur überlappen, sondern zu durchdringen scheinen, dass beide miteinander verwoben sind. Mit diesen Überlagerungsstrategien gehören diese Werke auf ihre Weise zur Konzeption der Papier-Ensembles, haben diese möglicherweise vorbereitet, haben aber nicht die Freiheit der Veränderung wie die lose auf die Wand gebrachten Papiere, sondern müssen lebenslang mit dem ihnen gegebenen Gefüge zurande kommen. Und sie sind in ihrer Bildordnung so überzeugend, so festgefügt, so stimmig, dass sie nicht damit rechnen können, der Maler würde ihnen Veränderung verordnen und selber noch einmal Hand an sie legen. Der Maler ist ja zugegen, wir können ihn nachher fragen.
Kunstexperten ordnen Erben in die Konkrete Kunst ein. Sie tun es in Ermanglung einer treffenderen Bezeichnung, aber auch, weil viele Grundelemente seiner Kunst dazu berechtigen. Die Künstler der Konkreten Kunst bilden im Allgemeinen nicht Gesehenes ab, sondern erfinden neue Wirklichkeiten – und das nicht allein mit konstruktiven Ordnungsgefügen. Nun lässt sich Erben aber oftmals von Gesehenem anregen – von Farberlebnissen ebenso wie er es von Landschaftsgefügen getan hat. Von 1987 bis 1998 malte er eine Serie von konstruktiv geordneten Bildern unter dem Titel „Farben der Erinnerung“. Es sind Bilder aus einem Farbenspektrum, das aus den Industrie-Emissionen seiner Ruhrgebiets-Heimat herrührt. Aber Erben ist kein realistischer Maler, er lässt sich von der gesehenen Welt zu farbigen Bildern anregen, die nichts mit Realismus zu tun haben, sondern – ich wies darauf hin - zumeist konstruktive Ordnungssysteme adaptieren. Dass sie nicht allein als Farbe und Form zu betrachten sind, gibt uns ihr Titel vor: „Farben der Erinnerung“. Der Maler, der so viele Bilder mit der Bezeichnung „Ohne Titel“ betitelt hat (im aktuellen Duisburger Katalog sind es 41 Ohne-Titel-Bilder von insgesamt 69 Werken) macht durch den Hinweis, dass Farben seiner Erinnerung hier Pate gestanden haben, klar, dass seine konstruktiv-konkrete Malweise anderen Wurzeln entspringt, dass er nicht die volle Erbschaft der konstruktiven Farb-Form-Maler der frühen Moderne für sich reklamiert, sondern diesen Bildwelten ein neues, eigenes Verständnis unterlegt. Erben hält den Gegensatz von „abstrakt oder gegenständlich“ heutzutage für irrelevant, denn – so sagte er 1997 in einem Gespräch mit dem Kunsthistoriker Tayfun Belgin - das Gegenständliche bestehe wie das Abstrakte aus Formen und Farben. Das ist natürlich völlig richtig, aber das kann nur ein Spätgeborener der Moderne so formulieren, denn als das Abstrakte erfunden wurde, ist es gegen die sichtbare Realitätswiedergabe der Alten Kunst gerichtet gewesen, nicht gegen deren Farben und Formen.
In Reclams Künstler-Lexikon von 2002 wird Erben unter die „Strukturelle Monochromie“ und als Maler der Bi-Chromatik eingeordnet, also als jemand, der höchstens mit zwei Farben im Bild arbeitet. Darüber ist Erben natürlich weit hinweg, wie Sie sich überzeugen können, er war es auch schon längst zum Zeitpunkt des Erscheinens des Lexikons. Aber niemand sollte sich wundern, wenn es in seinem Werk immer auch einmal wieder bi-chromatische oder monochrome Bilder gibt. In einem Statement von 1987 sagte Erben: „Der Schritt in die Zukunft ist für mich eine Reise in die Vergangenheit. Ich fahre die bekannte Strecke, nur die Sicht aus dem Fenster hat sich verändert“. Alles, was an neuen Arbeiten anstehe, habe einen direkten Bezug zu seinen früheren Werken. Immer tauchten Dinge auf, die sich bereits in anderen Zusammenhängen abgespielt hätten.
Erben ist mit kunstkritischen oder kunstwissenschaftlichen Ordnungsbegriffen nicht einzuengen. Er gehört zu jenen Künstlern, die für sich die Freiheit eines Malermenschen beanspruchen. Er nutzt die Errungenschaften der Moderne dort, wo sie ihm weiter brauchbar erscheinen, und ordnet sie seinem Kunstwillen unter, der für ihn aus der Freiheit der Farben in der konstruktiven Statik besteht. Und auch diese Formel stimmt: Abstrakte Bilder als Transformation von Stimmungen, Gefühlen und Farben der Erinnerung. Wer mit ihm über seine Bilder spricht, hört ihn vom Zauber der Malerei sprechen, von malerischer Transzendenz, von der Magie der Bilder und ihrer Energie, ihrem spürbaren Atmen, von Reinheit, Weite und Licht, aber auch von Askese und von Empathie für das Leben.
Ich danke Ihnen für Ihre Geduld.
Danke.
Ich will aber noch ein paar Sätze zum Galerie-Jubiläum anfügen.
Die Galerie, der wir das Kunstereignis „Ulrich Erben“ heute Abend verdanken, feiert zugleich 20 Jahre ihres Bestehens, feiert 20 Jahre eines strengen, schwierigen konkreten Kunstprogramms für Mainz und dessen kunstinteressierte Bürger. Der Herr Staatssekretär hat vorhin das Ereignis gewürdigt. Die Feier fällt in eine Zeit des knappen Geldes allerorten.
In diesem letzten Satz schwingt unausgesprochen die Frage mit, wie es weitergeht. Damit setze ich kein Menetekel allein für die Galerie. Die Frage stellt sich heutzutage auf allen Felder unseres öffentlichen wie privaten Lebens – und wir haben noch keine Antworten, wir haben Befürchtungen, wir haben gutes Zureden und wir haben vor allem Ratlosigkeit. Von den Sparbemühungen können Stadt und Land ihre Kunstankäufe und auch die Förderung der freien Kunst-Institutionen und der Künstler nicht ausnehmen, das ist so plausibel wie irgendetwas sonst. Aber was auf diesem Gebiet an Geldern bleibt, darf jetzt, wenn es bisher nach dem Gießkannenprinzip verteilt worden sein sollte, nur noch ganz gezielt in Träger und Vermittler von hohen Kunst-Qualitäten investiert werden, wobei Kunstgalerien angesichts ihrer Kompetenz als Mittler notwendig sind. Werden sie zu Opfern unserer erschütterten Finanzsituation, fehlen den öffentlichen Händen wichtige Schaltstellen im Kunstbereich.
Soweit meine Analyse und meine Anregung. Das wollte ich noch gesagt haben. Jetzt sind Sie erlöst.
Walter Vitt
Maternusstr. 29 50678 Köln