Joseph Hughes SELECTED PAINTINGS | Jun 1. - Jul 10. 2010

 

Lieber Joseph, sehr geehrte Damen und Herren.

 

Der heutige Abend ist sicherlich nicht für eine längere Einführung in ein Thema, mit dem man sich in Ruhe beschäftigen muss, geeignet. Aber ich möchte Ihnen Joseph Hughes doch wenigstens kurz vorstellen, zumal wir ihn in unserer Galerie heute erstmals in einer Einzelausstellung zeigen mit, wie der Titel sagt, ausgewählten Arbeiten aus den letzten sechs Jahren.

 

Joseph Hughes ist 1941 in Moundsville, West Virginia geboren und studierte Kunst und Englische Literatur an der Marshall University; 1964 mit einem Auslandssemester in London und einem Semester an der University of Cincinnatti. 1967 schloß er sein Studium mit dem Master of Art ab. Noch im selben Jahr zog er um an die Westküste nach San Francisco, wo er seitdem lebt und arbeitet.

 

Einigen von Ihnen werden seine Arbeiten bekannt sein; Joseph Hughes wird – hier im europäischen Raum - in der Schweiz vertreten und ist bei uns seit 2006 regelmäßig an unseren beiden thematischen Ausstellungsreihen „Orientated to Paper“ und „Color Based Paintings“ beteiligt.
In dieser Gruppe fühlt er sich, wie er mir gestern Abend noch einmal bestätigte, auch sehr wohl und gut eingeordnet, denn er kommt natürlich aus diesem Umfeld der New York School, des Abstrakten Expressionismus, und bereits aus den 60er-Jahren, die er eben noch
in Marshall, also an der Ostküste und durchaus in einer Entfernung, die einen regelmäßigen Kontakt zur New Yorker Kunstszene erlaubte, kennt und schätzt er viele dieser Farbmaler wie Joseph Marioni, Phil Sims, Rudolph de Grignis, Frederic Thursz oder Marcia Hafif.

 

Ganz knapp und vereinfacht gesagt, schlossen sich monochrome Maler, die in der Tradition des Abstrakten Expressionismus der Nachkriegszeit arbeiteten, zusammen und realisierten und organisierten in den 70er und frühen 80er Jahren in New York wechselnde Gruppenausstellungen mit dem Titel „Color Based Painting“ (jenes Thema, welches wir für unsere Reihe wieder aufgegriffen haben) oder unter dem Begriff des Radical Painting (also „Radikale Malerei“, die sich ausschließlich der Präsenz der Farbe verpflichtet fühlt).
Die „Vätergeneration“, wenn Sie so wollen, die Abstrakten Expressionisten, waren jene Maler, die die Entwicklung von der Abstraktion zur Gegenstandslosigkeit bereitet hatten und zu Ihnen gehören beispielsweise so bekannte Namen Jackson Pollock, Franz Kline und Mark Rothko, von denen insbesondere die beiden letztgenannten auch für Joseph Hughes wichtige Vorbilder waren.

 

Aber kommen wir zu unserer heutigen Ausstellung und den Bildern, vor denen wir stehen.
Es ist, wie gesagt, eine Auswahl über einen Zeitraum von sechs Jahren und zeigt Farbmalerei, die mit – nach meinem Empfinden – seriell angelegten Tonstudien und Variationen den physischen wie metaphysischen Gehalt der jeweiligen Farbe aufspürt.
Die Binnenstruktur besteht aus amorphen, teilweise gar floral anmutenden Farbverläufen, die nicht rein willkürlich, sondern „dirigiert“ sind. Entgegen einer gänzlichen Anonymisierung des Farbauftrages (wie er ja durch eine reine Verlaufstechnik oder ein Aufrollen der Farbe oder dergleichen gut vorstellbar wäre), bleibt Joseph Hughes einem gewissen Gestus verhaftet. Er kommt von der Landschaftsmalerei (in ganz jungen Jahren) und später einer freien gestischen Malerei – die er heute gewissermaßen „konkretisiert“.

 

Die Farbe wird in Schichten aufgetragen, zunächst mit einer Art Tube oder Beutel gespritzt. Er benutzt verschiedene Hilfsmittel, um Farbverläufe zu erzeugen, die die klassische zeichnerische Linie ersetzen. Danach wird die Farboberfläche mit Pinsel oder Bürste geformt und verteilt. Durch diese Kombination erhalten seine Arbeiten wie gesagt eine Binnenstruktur, die gesetzt ist und selbstverständlich auf die sie abschließende Außenform Bezug nimmt. So bestimmt Hughes das Gemalte zu einem Bildganzen, das Gemälde ist kein Fragment, es ist nicht – wie bei einem All-over-Prinzip von Jackson Pollock – über den Bildträger hinaus weiter vorstellbar, sondern mittels der linearen Strukturen zu einer Einheit gestaltet.

 

Dadurch gelingt Joseph Hughes eine eigene Handschrift und Balance zwischen dem Radical Painting und der Konkreten Malerei, und vielleicht auch ein Aufspüren und Aufarbeiten der wechselseitigen Beeinflussung amerikanischer und europäischer Positionen innerhalb der Farbmalerei.

 

Für den heutigen Abend möchte ich es bei diesen kurzen Anmerkungen belassen und wir können – fast pünktlich zum Beginn der „Langen Nacht“ – unsere Ausstellung für eröffnet erklären. Vielen Dank.

 

Evelyn Bergner

Ausstellungseröffnung, Mainz, 29.05.2010 (Museumsnacht)

 

 

 

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