Michael Kolod | ZUM BEISPIEL | FEB 9. - MÄR 27. 2010

 

Hier, in der Galerie Bergner und Job, in einer Programmgalerie für konkrete Kunst zeigt Michel Kolod seit heute eine Auswahl seiner Wandobjekte. Im vergangenen Sommer waren seine Arbeiten auf einer Ausstellung zu den „Positionen konkreter Kunst heute“ im Landesmuseum Mainz vertreten, im letzten Herbst stellte er im Künstlerverein Walkmühle in Wiesbaden bei den „Grenzgängern konkreter Kunst“ aus. Und zum ersten Mal frage ich mich, wie nennt man das eigentlich, was Michael Kolod macht. Lernt man die Kunst über die Person kennen, so kommt man manchmal gar nicht auf die Idee, sie stilkritisch einzuordnen. Andersherum ist es oft die erste Frage an ein künstlerisches Oeuvre.

 

Konkrete Kunst also. Farbe, die nur sich selbst bedeutet, Form, die keinen außer sich liegenden Inhalt versinnbildlichen will. Was für eine Befreiung. Fern von sinnstiftenden Regelsystemen, die außerhalb des Kunstwerkes liegend, dieses doch bestimmen, fern von „was will der Künstler uns damit sagen“. Farbe und Form sind Farbe und Form, keine Botschaft. Diesen Filter im Betrachter auszuschalten ist indes gar nicht so einfach. Unser ikonographisches, farbsymbolisches, kunsthistorisches Gedächtnis funktioniert meist zu automatisch und meist auch schon zu lange, um sich gänzlich unbeeinflusst bewegen zu können. Aber um sich zu lösen, von Vorgaben und schnellen Schlüssen, um den Blick wieder frei zu kriegen, für das, was man tatsächlich sieht, dafür taugt Michael Kolods Kunst hervorragend. Sie ist geradezu eine Schule des Sehens, oft überraschend, ungewöhnlich und überaus eindrücklich.

 

Bedeuten die Dinge nur sich selbst, so bedeuten sie demnach durchaus etwas, sie selbst sind ja nicht Nichts. Michael Kolod macht sich in seinen Arbeiten auf die Suche nach diesem Selbst der Materialien. Und er sucht es jenseits des üblichen Materialkanons bildender Kunst. Er verwendet Styroporstreifen, Luftpolsterfolien, Gurtbänder und Gipsbinden, Kartonagen und Papphülsen von Feuerwerkskörpern. Alles Dinge, die weder von sich aus kostbar sind, noch klassisches Künstlermaterial darstellen. Es sind zweckgebundene, nützliche Stoffe, sie erinnern an Handwerk, an Arbeit. Keine Arbeit in Ateliers, sondern Arbeit auf Baustellen, in Werkstätten und Krankenhäusern. Dort, wo die klassische Leinwand auftaucht, ist sie das ausgefranste Randstück der Rolle – Marginalien, für die es keinen genormten Betrachterblick gibt.

Michael Kolod ist aufmerksam. Er tritt ein in einen Dialog mit Material und Farbe, er nimmt sie ernst, er nimmt sich Zeit und spürt dem eigenen sensitiven Vermögen der Dinge nach. Das Material gibt etwa vor: eine Sprödigkeit, eine Gelenkigkeit, eine Luzidität, Verdichtungen, ein Ausschwitzen, Kolod reagiert darauf. Er bringt das Material mit anderen Stoffen zusammen, mit Farbe, Gips oder Öl, er biegt es in eine Form, mehr als Vorschlag denn als Befehl, sieht, wie es reagiert, wo es sich sperrt, wo es nachgibt. Der Entstehungsprozess seiner Arbeiten ist so kein grader Weg von Anfang bis zum im Kopf bereits fertigen Kunstwerk. Es ist ein Prozess von Anstoßen, Reagieren, Eingreifen und Abwarten, und oft ist es ein langsamer Prozess. Nie überrumpelt der Künstler sein Werk, aber oft überraschen die beiden einander. Und im Verlauf wird etwas deutlich von der Eigenart der Dinge. Langsam schält er es heraus, das Selbst des Materials. Es wird sichtbar und es wird spürbar.

 

Beispielhaft für das Freisetzen des sensitiven Gehalts eines Stoffes, der ganz unabhängig von seinem Nutzen besteht, ist etwa die große blaue Spirale, die Schnittfläche, blau aus PE Streifen, Gips, Acryl und Hitze. Der lange, schmale Streifen des Schaummaterials ist locker aufgerollt, dicht, doch mit Freiräumen sind die einzelnen Lagen zu sehen. Der Streifen ist biegsam und flexibel und doch von einer gewissen Stabilität, er ist undurchsichtig und läßt in seiner Helligkeit aber ein wenig Licht durch. Kolod hat die Wicklung im Liegen bearbeitet. Gips kam auf die Oberfläche der Spirale, dieser zieht in die Poren des Materials ein, haftet aber nur an den Kanten. Die blaue Farbe hingegen haftet nur am Gips, so dass zu dem räumlichen Gebilde der viellagigen Schlinge nur eine fein gezeichnete, farbige Linearität hinzukommt. Sie verleiht der Form eine definierte Oberfläche. Das Zarte, Feinlinige des Materials tritt hervor.

 

Rückwärtig mit Hitze behandelt verschmilzt die Figur, ohne dass die Flächenanmutung der Vorderseite verschwindet. Das biegsame, weiche Material zieht sich zusammen, seine Beweglichkeit potenziert sich, geht von der Fläche in den Raum. Es bildet Hohlräume, es kräuselt sich zu Schlaufen, zu Rüschen, die Kanten werden brüchig, eckig, kleinteilig ziseliert. Die ruhige Form der Wicklung und die gleichmäßige Färbung geraten in eine filigrane Bewegung. Das Styropor faltet sich, bildet Nester und Höhlen. Und in eben diesen geschieht noch etwas, was nicht der Künstler macht: Licht und Farbe reagieren auf die veränderte Räumlichkeit. Schatten bilden sich, leuchten, wenn man genau hinsieht, in Komplementärfarben, erscheinen durch das überstehende Material abgedunkelt und sanft beleuchtet durch das halbluzide Styropor. Die spezifische Eigenart des Stoffes: fest und doch flexibel, dünn und doch tragfähig, dicht und doch nicht starr wird durch Kolods Behandlung in seiner Essenz hervorgehoben, sie erscheint wie eine Charaktereigenschaft, spricht vom Umhüllen und Bergen, von Leichtigkeit und Verdichtung.

 

Michael Kolod mag die Zwischenräume, die Winkel und die umschlossenen Höhlungen. In der Arbeit Ab ovo aus Karton und Gipsbinden passiert zwischen den steifen Knickkanten des Kartons ebensoviel wie in den Leerstellen an der Wand. Was sich hier verdichtet, auflöst und flimmert ist der reine Schein und ist dennoch real. Da wir nicht darin geübt sind, diese Materialien in ein artifizielles Muster zu fügen – als Kunst-Stoff zu erkennen – wird unser Blick im besten Sinne naiv. Kolod nutzt diesen unvorbereiteten Blick und zeigt, was beim Sehen passiert: Die Farben, die als physiologisches Phänomen im Kopf entstehen, die sich entsprechend der Blickrichtung und der Beleuchtung verändern und doch faktisch da sind: je länger man hinsieht, je geübter man wird, desto deutlicher.

Volumen und Umriß, Innen und Außen, sind auch in der Serie der Arbeiten mit Feuerwerkskörpern thematisch. Es ist ein Spiel mit Variationen. Es gibt gerade arrangierte Kästen mit gleichmäßig angeordneten Röhrchen, seriell in Lagen geschichtet, wie in der Arbeit Mars und Venus, es gibt Formen, die sich wie Waben von innen nach außen aufbauen, oder Trauben in einer aneinanderhängenden Form mit variablen Zwischenräumen. Man sieht diesen Gebilden nicht unbedingt an, woraus sie bestehen, aber man sieht ihr Vermögen: die tief ausgehöhlte Form, die schlanke Röhre, die etwas – aber auch nicht zuviel - aufnehmen kann, ohne es, wie ein dicker Krug, potenziell ewig zu bewahren. Leichte, schnelle Formen. Michael Kolod bringt sie zusammen und bringt sie an die Wand, so dass wir hineinsehen können, sie kommen uns entgegen. Er fasst die Körper farbig, doch schwitzen einige der säurehaltigen Pappen noch nach dem Bemalen den braunen Ton des Kartons wieder aus, eine optisch fassbare chemische Reaktion, die den Objekten eine eigene, hitzige Aktivität zugesteht. Kolod füllt die Röhrchen erneut, nun nicht mit Sprengstoff, sondern mit Farbe. Das dicke Material saugt die flüssige Farbe auf. Sie versackt. In manchen Röhrchen mehr, in anderen weniger, so als entscheide das Werk selbst über das, was der Künstler anbietet. Unterschiedliche Konsistenzen arrangieren sich. Die Farbe trocknet langsam, es wird nachgefüllt, abgewartet und schließlich härtet sie in unterschiedlichen Höhen aus. Beim Trocknen ergeben sich kleine Risse in der dichten, schweren Farbe, zarte Linien, die einzelne Röhrchen verbinden, oder auch trennen.

 

Äolsorgel nennt Kolod eine dieser Arbeiten und tatsächlich eignet diesen Werken etwas Musikalisches. Es gibt eine Partitur der Füllung, ein intuitiver Rhythmus vermittelt sich, Höher und Tiefer korrespondiert mit Heller und Dunkler. Und es gibt Anmutungen, die sich in Kolods Arbeiten nie verbieten: Dicht gefüllte Körper geben sich im Wortsinn verschlossen, andere Partien scheinen wach, lauernd. Aus der vorgegebenen Serialität der gleichförmigen Bestandteile ergibt sich im Werkprozess eine Individualität. Sie formt sich selbst zu einem Bild, zu einem Klang, einer Melodie, einer Komposition.

 

Diese Arbeiten zeigen, dass Michael Kolod kein schneller Künstler ist. Zeit ist ein wesentlicher Bestandteil seiner Arbeiten. Die Randstücke klassischer Malerleinwand, die Kolod mit ihrer ausgefransten Seite in Gips stellt, trocknen dort langsam an. Er legt die Form in Mäander, in Biegungen und Schlaufen – ein Vorschlag an das Material. Nach dem Trocknen bleibt eine Gipskante erhalten, bröckelt an einigen Stellen ab, bildet so kleine Gelenke, bewegliche Partien. Durch die Montage an der Wand und die Fassung mit Öl und Farbe verändert die Form sich noch einmal. Das alles ist nicht vollkommen kontrollierbar, aber Kolod arbeitet auch nicht mit einem fertigen Bild im Kopf. Doch ist es auch keine „écriture automatique“ in der das Ergebnis unabhängig von einer künstlerischen Vorstellung entsteht. Es ist ein Dialog und damit genuin prozesshaft.

 

Eine Besonderheit dieser Ausstellung ist die „Vokabelwand“ wie Michael Kolod sie nannte. Sie ist eine Kurzvorstellung der eigenen Arbeit, eine Ideengeschichte, eine Ansammlung von Zitaten. Über ihre ganze Fläche versammelt sie Arbeiten, von denen die älteste schon 12 Jahre, die jüngsten ganz neu sind, und manche schon mehrfach überarbeitet. Mir fiel beim Betrachten dieser sorgfältig komponierten Wand ein Gemälde ein: Menzels Atelierwand, das in schräger Untersicht den Blick auf die dicht gehängten Gipsabgüsse zeigt, deren sich der Maler beim Malen bedient. Kolods Vokabelwand ist nicht einheitlich: manche Stücke sind reine Skizzen, die erste Annäherung zwischen Idee und Material, ohne soliden Objektcharakter und vergänglich, andere verweisen als Einzelelement auf größere Arbeiten – so die blaue Schlaufe aus Ton, die zum Ensemble einer großen Wandarbeit mit vielen dieser Zeichen gehört. Da ist das kleine Objekt aus Baustellennetz, Bolusgrund und Teer, dass sich zum Zentrum des Körpers hin immer mehr verdichtet. Der schimmernde Teer in der Mitte erscheint tief und glänzend. Man glaubt, hier wie durch dunkles Glas in den Kern des Objektes blicken zu können, obwohl es doch obenauf liegt. Der Glanz verbindet sich im Auge des Betrachters eben nicht allein mit dem Teer, sondern fügt das ganze Gebilde zu einer tiefen, räumlichen, dichten Form zusammen und gibt ihr einen nahezu kostbaren Charakter. Man sieht der Wand an, wie Michael Kolod denkt, sie ist ein Periodensystem seiner Arbeit. Und man merkt, dass seine Objekte Miniaturarchitekturen sind, die den Raum bespielen und mit ihm spielen, den großen, den kleinen, den Farb- und den Schattenraum.

 

Michael Kolod hat an der Städelschule studiert und hier selbst als Assistent gearbeitet. Bei Raimer Jochims hat er sich schon früh in der Ausdrucksweise der Form geschult. Bei seiner Sensibilität für die Eigenarten ungewöhnliche Materialien darf man sicher auch Joesph Beuys nennen, denn aus dem Beuys-Land stammt er, und das ließ keinen jungen Künstler unbeeindruckt. Kolod hat es sich dies Beeindruckt-sein bewahrt und er hat es ausgebaut. Seit 30 Jahren arbeitet er in der Graphischen Sammlung des Städel-Museums und hat hier ein unglaubliches Bildgedächtnis ausgebildet. Seit 20 Jahren leitet er wöchentlich den „Sehkreis“, und seine Studenten an der Mainzer Akademie hält er dazu an, nach Drucken und Zeichnungen zu Zeichnen und so das Auge zu schulen. Es scheint mir bei dieser Fülle von Eindrücken plausibel, dass Kolod den Dingen auf den Grund geht. Dass er das elementare Selbst von Material, Farbe und Form sucht und dabei zu einer Konzentration gelangt, die sich nicht figürlich äußert, aber auch keineswegs abstrakt, sondern vielmehr sehr elementar, wahrscheinlich doch höchst konkret.

 

 

Dr. Mareike Henning, Kuratorin, Eröffnungsrede 6. Februar 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

Navigationsbutton "zurück"
Logo der Galerie BERGNER + JOB
EXHIBITION
WORKS AVAILABLE
PROFILE
ARTISTS
ART FAIR
PUBLICATION
CONTACT
MAPS
BOARD
EXHIBITION
WORKS AVAILABLE
PROFILE
ARTISTS
ART FAIR
PUBLICATION
MAPS
CONTACT
BOARD
BERGNERplusJOB.net last update 2011.11