"Ein malender Regisseur oder vom Blick auf die Dunkle Seite"
Zeniuks Bilder sind komplett situationsfrei. Ein namenloses Bild tritt auf, woher auch immer, wohin auch immer, und zeigt sich, zieht seine Bilanz. Obwohl man die ganze Zeit darauf blickt, erfährt man wenig über das Bild, vielmehr erfährt man etwas über die Farben und Formen, die es trägt. Dieses Bild ist vollendet, daher kann es seine Bilanz ziehen.
Die roh belassene oder weiß grundierte Leinwand ist stehen geblieben. Die Trennung zwischen Träger und seiner Bespielung ist daher offensichtlich. In Anbetracht der außerordentlichen Schönheit dieser Kompositionen, mit den über der leeren Fläche verteilten Farbformen, fällt es schwer, sich irgendeine Verbesserung vorzustellen. Diese Tatsache zwingt den Betrachter zu der Frage, wann ein Bild seinen Punkt der Vollendung überschreitet? Beantworten kann man diese Frage mit einem Ausspruch von Rembrandt, der ihm im 18. Jahrhundert zugeschrieben wurde: „Ein Kunstwerk ist vollendet, wenn der Künstler seine Absicht erreicht hat.“ Die Farbmuster verleihen den Bildern eine stabile Struktur, die völlig schlüssig wirkt. Erkannte Zeniuk dies als ein besonderes Moment von Intensität und beendete demzufolge die Arbeit an den Bildern?
Der Anspruch auf die Autonomie der künstlerischen Intention manifestiert sich regelrecht in den Arbeiten Zeniuks. Die Ästhetik der Leerstelle ist mit der Zeit gleichsam als Signatur seines Stils zu bezeichnen. Ein Stil der sich durch höchste Vollendung auszeichnet.
Das zumalen nur einer Leerstelle würde das ganze Gebilde in sich zusammen stürzen lassen. Vollständigkeit ist keine Vollendung. Auch Jasper Johns beschäftigte sich mit der Frage der Vollendung: „Wann ist es vollständig und wann ist es nicht vollständig? Ich glaube nicht, dass man sagen kann, wonach man sich sehnt.“ Die Absicht Zeniuks aus Rembrandsker Sicht bzw. die Sehnsucht aus Johns’ Sicht mit seinen häufigen Auslassungen ist offensichtlich, er kreiert einen Raum oder besser eine Bühne, auf der die Farben gleichberechtigt agieren können.
Dem war nicht immer so. Bis 1976 betrieb der Künstler eine die ganze Bildfläche ausfüllende monochrome Malerei. In einer ihm eigenen Enkaustiktechnik malte er aber keine monochromen Bilder. Nur die äußere Schicht zeigte eine zumeist grünlich bräunlich wirkende monochrome Farbfläche, darunter fand das eigentliche Spektakel statt.
Klare Farben, mehrfach in dünnen Schichten aufgetragen, wurden zwar übermalt, aber wirkten in ihrer verborgenen Intensität nachhaltig nach. Diese damalige geschichtete Malerei, einem Palimzest gleich, kreiste um die Beziehung der Farbe zur Fläche und damit zum Raum. Diese Beziehung löste Zeniuk anschließend, indem er aus dem „dahinter“ ein „davor“ machte. Der ganze Prozess des dahinter wurde nach vorne gezogen. Die klaren Farben finden sich jetzt auf der vorderen Ebene. Die Fläche, der Bildgrund, wandelte sich zum Raum, zur Bühne, zur leeren Bühne. Zeniuk hatte den Vorhang weggezogen und plötzlich purzelten die Primärfarben ans Licht.
Ich schildere dies im Zeitrafferverfahren; natürlich gab es auf dem Weg zum heutigen Ergebnis noch jede Menge hochinteressanter Zwischenschritte.
Zeniuk selber sagt, dass die Wand keinen Raum hat, aber dass Bilder Raum haben. Damit wird deutlich, dass die Frage nach dem „Raum“ eine der zentralen Fragen in seinem Oeuvre ist.
Doch wozu benötigen die Farben in Zeniuks Bildern den Raum? Doch nicht um die Erforschung einer realen räumlichen Situation. Auch treten seine Arbeiten nicht in eine bewusst inszenierte Beziehung zum Umraum, wie es beispielsweise die Künstler der Minimal Art betrieben. Vielmehr knüpft Zeniuk an die „endgültige Ermordung der Zentralperspektive“ durch die amerikanischen Farbfeldmalerei an und erzeugt eine Raumwahrnehmung.
Ähnlich einer Kamera erzeugt die Augenlinse ein zweidimensionales Abbild der Umwelt auf der Netzhaut. Dennoch ist eine Raumwahrnehmung, also das Sehen von räumlicher Tiefe, möglich. Sie beruht auf zwei Prinzipien: Zum einen wird die Entfernung eines Objektes von den Augen wahrgenommen, zum anderen erfolgt über die Kenntnis der Welt und der darin vorkommenden Objekte eine Interpretation der räumlichen Tiefe. Diese Wahrnehmung von Tiefe - wo doch objektiv gar keine Tiefe vorhanden ist, es ist ja nur die Illusion von Tiefe - diese führt zum eigentlichen Ziel, zur Raumbühne.
Spätestens jetzt beginnen die eigentlichen Probleme.
Zeniuk gehört zu jenen höchst renommierten Malern, über die über Jahrzehnte Kunsthistoriker versucht haben, das Licht der Erkenntnis aus seiner Malerei zu ziehen.
In den zahlreichen hochlesenswerten und erkenntnisreichen Texten, die über sein Werk verfasst wurden, drehte es sich zumeist immer um die Farbbehandlung. In minutiösen Beschreibungen wurden Zeniuks Protagonisten, die Farben, bis hin zur kleinsten Struktur analysiert. Leuchtkraft, Duktus, die Spannung der Farbformen zueinander, Materialität, Offenheit und Transparenz. Die Einordnungen wurden der jeweilige Phase Zeniuks angeglichen. In diesen analytischen Beschreibungen versuchten die Kollegen über das Sichtbare dem Atem, der Existenz, der Seele der Malerei von Zeniuk auf die Schliche zu kommen. Der Versuch, die Bilder in Sprache zu transformieren, führte aber auch nach mehrmaligem Lesen bei mir immer nur dazu, auf die Bilder selbst zurückgeworfen zu werden. Die Übersetzung seiner Arbeiten in Sprache ist von ihm selbst in Frage gestellt worden: “Sprache kann eine Brücke bauen, aber am Ende zählt nur die gemachte Erfahrung und das entstandene Gefühl. Als ob man ein Buch über Musik lesen würde oder eben eine Komposition hören kann.“
Damit liefert der Künstler selbst die Richtung, die ich in seinen Arbeiten immer empfunden habe, die er aber selbst so gar nicht vordergründig sehen will. Es ist die Sprache, genauer es ist die Sprache des Theaters, der Bühne.
Damit sind wir natürlich in der Historie der Kunst selbst angelangt.
Zeniuks Farbbehandlung ist schon stark vom venezianischen Kolorit des 18. Jahrhunderts angehaucht. Stellen sie sich Zeniuks Bilder umringt von Arbeiten von Giovanni Battista Piazzetta, Francesco Guardi oder Giambattista Tiepolo vor. Diese venezianischen Künstler stellen den Schlusspunkt des großen Welttheaterspektakels des Barocks in der Sprache des Rokokos dar. In deren Arbeiten finden sich alle illusionistischen narrativen Formen der damaligen Zeit vereint dar. Heldenepen, religiöse Historien, Opferszenen, Götterfeste, dargeboten in klarstem leuchtenden Farbschmelz. Und nehmen sie vor allem Pietro Falca, genannt Longhi, mit seinen humorvollen ironischen Genreszenen, in denen er das venezianische Gesellschaftsleben in kostbarster und feiner Farbigkeit schildert.
Diese Künstler waren Regisseure für die von ihnen abgebildeten Theaterstücke. Mit ihren Farben schufen sie die Atmosphäre, die diese Stücke verlebendigten.
Zeniuks Arbeiten transformieren diese Haltung in moderne Malerei und in die Stücke unserer Zeit. Mit Hilfe abstrakter Farbformen inszeniert Zeniuk seine „Stücke“. Die Protagonisten sind die Farben, die Charaktere entfalten sich in ihrer Beziehung zueinander.
Die Positionierung der Farbformen zueinander ist entscheidend. Die Handlungen in Zeniuks Stücken werden von den Farben und den Formen getragen. Eine entscheidende Rolle spielt dabei das Format der Farbpunkte bzw. -flecken. In ihnen spiegelt sich die Körperlichkeit der Figuren wider sowie deren Beziehungsgeflecht untereinander.
Dabei zeigen sie immer unterschiedliche Verhaltensweisen, je nachdem, in welcher Nähe bzw. Ferne die Farben miteinander bzw. gegeneinander kommunizieren. Mal gehen sie auf Konfrontation, wirken fast schon aggressiv, dann wiederum scheinen sich viele in Harmonie zu ergehen. Zeniuk gelingt es, einen ganzen Kosmos an Gefühlen in seine Farben und Formen zu setzen.
Die Bilder sind für mich ein seltenes Zeichen der Abstraktion, in dem die Farben menschliche Verhalternsweisen übernehmen. So wie diese Verhaltensweisen in der Natur vorhanden sind, werden sie als vermenschlichte abstrakte Farbgebilde auf die Bühne gestellt.
Tatsächlich ist der Rhythmus der Farben, ihre teils statische, teils sehr bewegte Anordnung, für das Tempo der Handlung verantwortlich. Nicht umsonst wurde der Begriff des Klangraumes als poetische Übersetzung für seine Werke bemüht. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass im Zusammenklingen der jeweiligen Farbtöne so etwas wie Musik entsteht. Über diesen Ansatz gehe ich insofern hinaus, indem ich denke, dass man die Bilder viel konkreter anbinden kann. Sie sind eben mehr als nur eine Ansammlung von Klängen; die Bilder zeigen abstrakte Figuren, die in einer derartigen Wechselbeziehung miteinander stehen, dass sie über rein musikalische Experimente hinausgehen und selbst Sprache sind. Wo Zeniuk die Möglichkeiten der Farbe auslotet, lotet er auch die Beziehungen der einzelnen Charaktere untereinander aus.
Zeniuk arbeitet ohne Vorstudien. Sein Malprozess wird vom eigentlichen Widerspruch von spontan und sorgfältig bestimmt. Mich würde es nicht wundern, wenn er beim Malen selbst sein jeweiliges Stück inszeniert. Zunächst sichert er den Akteuren die Bühne, er lässt die Leinwand wie sie ist. Roh, weniger geht nicht, mehr geht aber auch nicht. Es ist auf den ersten Blick ein karges Ambiente für eine große Aufführung. Dadurch, dass es kein Bühnenbild gibt, schafft er den Raum für seine Farbakteure, den sie benötigen, um sich völlig zu entfalten. Zeniuks ständiger Verweis von Tiefe und Dreidimensionalität in seinen Bildern ist nicht nur richtig sondern auch wichtig, weil er uns damit sagen will, dass sein geschaffener Raum dazu dient, die Handlung des Bildes zu erweitern. Die Arbeiten verlangen nach einer Erweiterung der Auseinandersetzung. Nicht nur mit dem Raum, sondern mit dem Betrachter. An diesem Punkt wird überdeutlich, was bisher noch nicht angesprochen wurde. Die Rolle des Betrachters. Die Bilder erlauben es nicht, sie als einfaches Farbspiel abzutun. Sie fordern volle Aufmerksamkeit, sie sind wie ein Theaterskript, das gelesen, geprobt und aufgeführt werden will. Um welche Art der Darbietung es geht, Kammerspiel, Schauspiel oder große Oper, hängt immer vom Theaterskript oder eben besser vom jeweiligen Bilde Zeniuks ab. Große Bühne, viele Akteure, kleine Bühne, wenig intime Charaktere. Kammerspiel. Die Handlung der paintings from the dark side sind allesamt Kammerspiele. Sie finden vollständig ohne Requisiten statt. Der Bühnenboden besteht tatsächlich aus dunklen Brettern, auf denen sowohl monologisiert als auch wild dialogisiert wird. Mal dicht zusammengerückt, Nase an Nase, dann einfach nebeneinander oder mal soweit entfernt wie möglich, scheinen sie diesmal tatsächlich Dramatisches aufzuführen. Eine Souffleuse wird nicht bemüht. Die Akteure sind textsicher. Wenn Zeniuk sagt, dass man nicht erklären kann, worüber er malt, weil es so einfach ist zu lügen, dann trifft er wiederum den Punkt. Natürlich wird in diesen Stücken gelogen, und zwar bis die Balken sich biegen. Aber dem ist man sich immer bewusst, denn es handelt sich um Rollenspiele, bei denen man genau hinschauen muss, um herauszufinden, welcher der Akteure gerade die Rolle des Missetäters innehat. Sprach ich zu Beginn von der Vollendung eines Kunstwerkes, so sollte deutlich werden, das Zeniuk seinen Teil zur Vollendung beigetragen hat. Nun ist es an uns, dieser Vollendung gegenüber zu treten. Was die Bilder aufführen sind Emotionen, sie berühren und wecken Gefühle. Diese Gefühle kann man aber den jeweiligen Farbakteuren zuordnen. So entwickelt sich ein Handlungsstrang, dem man immer wieder neue Facetten abgewinnen kann. In den paintings from the dark side gibt es viele berührende und radikal ehrliche Momente. Mancher dieser Farbspieler erscheint wie ein Ich-Erzähler, der eine von ihm selbst konstruierten philosophische Frage referiert und immer wieder seine Sicht der Dinge zeigt. Diese Stücke wirken dann auf mich wie kategorische Behauptungen, das Absolutsetzen jeder Aussage durch seine Hauptfiguren. Dieser Protagonist scheint von vornherein jeden möglichen Einwand auszublenden. Ein besonderes stilistisches Merkmal von Zeniuks gegenwärtigen Arbeiten scheint mir die Technik der Steigerung, der Übertreibung, des sich Hineinsteigerns beziehungsweise des sich Versteigens in etwas, was jeweils sehr kunstvoll durch eine Wiederholungstechnik orchestriert wird, in der zum einen bestimmte Themen, Versatzstücke wiederholt (aber immer auch leicht variiert) werden und dabei – gerade wenn der Betrachter denken mag, das sei nicht mehr möglich – zum anderen nochmals gesteigert werden. Diese Technik Zeniuks erinnert an Kompositionsmethoden der späten Barockmalerei, womit der Kreis sich wieder bei den Venezianern schließt.
Die paintings from the dark side sind für mich Rollenprosa. Es geht in diesen Bildern immer auch um die Tragik, die Vereinsamung, die Selbstzersetzung eines Menschen, der nach Vollkommenheit strebt. Ein immer wiederkehrendes Thema ist die Vollkommenheit der Kunst sowie dessen Unmöglichkeit, da Vollkommenheit den Tod bedeutet.
Oder wie es Zeniuk selbst sagen würde: Es ist so einfach zu lügen.
Vorhang auf...
Danke für Ihre Aufmerksamkeit!
Dr. Peter Forster / Mainz / Wiesbaden / Sep 5th 2009