Seán Shanahan IN SPACE - Malereiobjekte 30. Sep - 8. Nov 2008

 

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren, hochverehrter Seán Shanahan.

 

Sie stehen hier nicht in ihrer Küche und blicken auf die Frontseite ihrer Küchenzeile. Auch bringt es wenig, wenn sie, nachdem sie später zu Hause sind, ihre Schrankwand abschrauben und an die Wand hängen. Dann haben sie noch keinen Shanahan. Aber sie haben zumindest das Gefühl, der Arbeitsgrundlage des Künstlers ein wenig nahe zu sein.

Das erste, was ihnen an den Gemälden des irischen Künstlers, der 1960 geboren wurde und heute in Italien lebt, auffallen könnte, ist bereits der Aspekt, der wie ein Synonym für seine aktuellen Gemälde steht. Nicht auf Leinwand, Holz oder Metall sind sie gemalt sondern auf MDF-Platten.
Die mitteldichte Holzfaserplatte ist, insbesondere für Maler, ein seltener, wenn nicht gar fremder Träger ihrer Werke. Erfunden wurde das Produkt in den USA und fand in Europa erst Ende der 1980er Jahre eine größere Verbreitung. Auf Grund ihrer technischen Eigenschaften zählt MDF seither aber weltweit zu den am stärksten wachsenden Holzwerkstoffprodukten. Aus feinstzerfasertem, hauptsächlich rindenfreiem Nadelholz und durch eine schonende Verpressung wird ein in Längs- und Querrichtung gleichermaßen homogener Holzwerkstoff hergestellt. Die Kanten sind glatt und fest und können ohne besonderen Anleimer profiliert werden. MDF kann vielseitig mit Farben und Lacken behandelt werden, somit entsteht eine glatte, saubere Fläche mit profilierten Kanten.
Die MDF-Platte ist gut zu verarbeiten und kann vielseitig eingesetzt werden.
Da sie schwingungsarm ist, wird sie auch im Lautsprecherbau und zur Entkoppelung von Plattenspielern verwendet. Die Tatsache, das MDF zur Übermittelung von Musik genutzt wird, scheint mir auch für die Arbeiten von Shanahan von Bedeutung. Erscheinen sie mir doch geprägt von einem eigenen Rhythmus. Fugen gleich schwingen mehrere Themen zusammen. Auch scheint die Erstellung der Werke in einem dem Künstler eigenen Rhythmus zu erfolgen.

Shanahan ist nicht der einzige Künstler der MDF verwendet. Künstler wie Frank Coldewey, Helmut Eichhorn, Christian Frosch oder Tim Ayers nutzen zwar auch MDF, aber die Platten werden entweder nur als Trägergrund für ihre darauf applizierten Objekte genutzt oder aber gehen keine wirkliche inhaltliche Symbiose mit dem Träger ein. Bei Shanahans Arbeiten fließen Inhalt und Form bewusst zusammen, Inhalt und Form ergeben eine Einheit. Diese Haltung lässt sich mit der der Künstlern der Minimal Art vergleichen. Bei den „Historischen Minimalisten“ handelt es sich aber nicht mehr um Maler, sondern um Künstler, die bewusst die illusionistische Malerei negierten und Objekte fertigten; genauer gesagt im Sinne Donald Judds, spezifische Objekte. Mit diesen spezifischen Objekten, die in den Raum gestellt, gelegt oder gehängt werden, wird dezidiert ein Raum erfahrbar, bestimmbar. Das Thema Raum wird auch uns noch zu beschäftigen haben.
Doch gehen wir noch einmal zum Trägermaterial zurück. Was sie hier sehen firmiert zwar unter dem begriff Malerei, aber ob dies tatsächlich zutrifft, möchte ich bezweifeln. Da Farbe und Grund ein Ganzes bilden, untrennbar zusammen gehören und einen Bildkörper darstellen, bin ich eher geneigt, im Sinne der Minimal Art von Objekten sprechen zu wollen. Bild und Grund sind derart verdichtet, dass der Farbauftrag wie von der MDF-Platte eingesogen wirkt. Die Materie scheint die Farbe tatsächlich zu absorbieren.
Die Gemälde sind alle in einem Atemzug gemalt, damit der Farbauftrag ganz, bevor die Farbe trocknet, sich mit der MDF-Tafel verbinden kann. Korrekturen, Sinnesänderungen oder Überarbeitungen sind in diesem Schaffensprozess nicht vorgesehen.
Auch die Rückseite der Gemälde, seine Gestalt und die Art der Anbringung an der Wand wie auch die Materialstärke, die Greifbarkeit des hervorstehenden Bildkörpers sind signifikante Teile des Werkes und outen es als ein Objekt.

Shanahan hat nicht immer auf MDF gearbeitet, aber nie hat er auf Leinwand gemalt, sondern stets harte hölzerne oder metallene Träger genutzt. In den frühen 80er Jahren malte er auf hellem ungrundiertem Holz. Arbeiten von Beginn der 90er Jahre waren u.a. auf Zinkplatten gearbeitet. Auch waren diese nicht im klassisch-traditionellen Rechteckformat, sondern beispielsweise im oberen Bereich mit einem Bogen abgeschlossen. Die Farben waren nicht vollständig auf die Zinkplatte aufgetragen, sondern rechts und links blieben unterschiedlich breite Streifen unbearbeitet, so dass die Zinklegierung ein dialogisches Zusammenspiel mit den darauf befindlichen Farbfeldern einging. Der Träger war somit elementarer Bestandteil des Werkes.
Auch bei seinen Arbeiten auf Inox, rostfreiem Stahl, zeigt sich die Bedeutung des Trägers.
Je nach gewähltem Grund verändert sich die Wirkung der aufgetragenen Farben. Bei den Arbeiten mit Inox nutzt Shanahan vor allem helle Farben, so dass in Verbindung mit dem Edelstahl eine elegante und nahezu leichte Wirkung der Bilder erzielt wurde.
Bevor der Künstler sich 1999 entschloss, nur eine Farbe zu verwenden, handelte er nach Kontrasten, indem er den Untergrund in Bereiche aufteilte, in denen er unterschiedlich vorging. Einige Bereiche waren durch die aufgetragene Farbe gekennzeichnet, andere durch den gebrauch von Werkzeugen, die das Verhalten des gegebenen Materials durch die jeweilige Behandlung unterstrichen.

Diese Betonung des Trägers, seine Herausstellung, findet sich auch bei den Arbeiten mit MDF, mit denen er seit 1997 arbeitet. So band er vor gar nicht allzu langer Zeit die rohe MDF Platte unmittelbar ins Werk mit ein. Indem er an den Seiten schmale Streifen unbehandelt ließ, wurde die Wirkung der Farbe noch einmal intensiviert. Der sichtbare industriell hergestellte Körper an den Schmalseiten, daneben sein Farbauftrag. Dieser Farbauftrag wirkt auf den ersten Blick ebenfalls wie industriell gefertigt. Sachlich und konstruktiv, aber bei längerer Betrachtung, und das erwarten alle Werke von Shanahan, erleben sie, wie physisch in Wirklichkeit diese Malerei aufgetragen wurde. Zwar vermeidet der Künstler bewusst eine gestische Malerei, aber das durchmessen der Fläche durch den Rakel, ist absolut physisch nachvollziehbar. Daraus ergibt sich eine wunderbare Spannung zwischen objektivem Material und subtil gestischer Ausführung.

Die Art des Farbauftrages ist von ungeheurer Bedeutung. So wenig es ihn zur klassischen Leinwand zieht, so wenig steht der Pinselstrich im Vordergrund. Der angesprochene Gummi-Rakel, der wie ein weicher Spachtel wirkt, dient dazu, die Ölfarbe gleichmäßig auf der Fläche zu verteilen. Aber diese vermeintliche Glätte ist trügerisch, entspricht nicht der Realität. Denn, sie werden es sehen, die Farbe ist eben nicht so regelmäßig aufgetragen wie sie wirkt. Im Gegenteil.
Shanahan unterläuft nur unsere Erwartungshaltung, in die er uns auf den ersten Blick durch die Wahl seines industriell hergestellten Materials lenken will, um dann umso eindringlicher, den Maler zu betonen. Ein regelrechtes Theaterstück. Glaubt man auf der Bühne einem einvernehmlichen Familientreffen beizuwohnen, gleitet bei genauem Hinsehen die Handlung in die Untiefen eines Ibsen-Stückes ab. Es tun sich Abgründe auf, auf die man überhaupt nicht vorbereitet ist. Die Malerei schlägt einen derart in den Bann, weil es sich um eine so gute vielschichtige Malerei handelt, dass sich die unterschiedlichsten Assoziationsräume öffnen. Die unspektakuläre Erscheinung der Materialien eröffnet in Wirklichkeit ein regelrechtes Theatrum sacrum. Das mag sie jetzt verblüffen, aber glauben sie es mir. Je länger sie sich auf diese Bilder einlassen, umso eher können sie das nachvollziehen. Ganz bewusst habe ich den barocken Begriff des Theatrum sacrum, des Heiligen Theaters benutzt. Im Barock wurden die dargestellten Handlungen, meist religiöse Themen, mittel der Lichtbehandlung inszeniert. Auch Shanahan inszeniert, allerdings in seiner Zeit, mit den heutigen Stillmitteln der Zeit. Die Minimal Art ist in Wirklichkeit auch Inszenierung. Die Künstler dieser Stillrichtung inszenieren ein Thema, den Raum und seine durch die Kunst körperliche Erfahrbarkeit. Wenn Shanahan sich selbst als realistischen Maler bezeichnet, gehe ich noch einen Schritt weiter, und bezeichne ihn als Barocken Maler in unserer heutigen Zeit. Einem, dem es gelungen ist unter Einbeziehung „theatralischer“ Effekte, mit dem künstlerischen Vokabular der abstrakten Kunst und der Materialfreiheit der Minimal Art,
beim Betrachter gefühlsbetonte Wirkungen wie Staunen, Überraschung und Überwältigung hervorzurufen. Seine Bühne sind die Bretter, die die Welt bedeuten - MDF-Platten

Bei den Bildern der heutigen Ausstellung geht Shanahan konsequent noch einen Schritt weiter. Auf der Vorderseite verzichtet er auf eine direkte Einbeziehung der bräunlichen Platte, stattdessen nimmt der Farbton den gesamten Malgrund ein. Auf den ersten Blick haben wir eine vollständig monochrome Farbfläche. Aber die Materialität der Platte ist immer sichtbar, die abgeschrägten Ober- und Unterkanten, vermittelt zwischen Bild und Träger, bindet sie zusammen und machen es zu einem einheitlichen Objekt.
Diese Bildobjekte erscheinen je nach Betrachtungsstandpunkt vollkommen unterschiedlich. Die Veränderung ihrer Bewegung im Raum führt auch zu einer veränderten Wahrnehmung des Bildes. Form und Farbe verändern sich. Ohnehin ist die vorhin von mir vorgenommen Bezeichnung monochrome Malerei unzureichend. Mit der Konzentration auf eine Farbe geht noch keine monochrome Malerei einher. Die Einfarbigkeit Shanahans ist Inszenierung, verweist nicht allein auf die eine gewählte Farbe, sondern ist vielmehr illusionistisch. Es geht nicht um die Untersuchung der malerischen Mittel und ihrer Struktur oder Wirkungsweisen (wie z.B. bei den radikalen Malern wie Marioni) oder um das Erreichen spektakulärer Preziosität (wie bei Umberg). Sondern um das Aufdecken ihrer spezifischen Substanz und um die illusionistische Wirkungsweise der Farben. Illusionistisch deshalb, weil seine Farbehandlung ein hochinteressantes Zusammenspiel mit dem Licht erzeugt.

Künstler suchen immer nach neuen Farben. David Reed hat versucht, die einzigartigen Farbräume der Hitchcock Filme in seinen Bildern neu zu erfinden. Auch Shanahan schafft neue Farben im Zusammenwirken mit dem Licht. Dabei hat er keine Vorliebe für eine der Farben. Seine Palette wird von selbstgemischten Tönen bestimmt, die schwerlich zu beschreiben sind. Ist bei ihm ein Rot noch ein Rot, ein Blau ein Blau oder ein Grün ein Grün? Nein, vielmehr handelt es sich nur noch um Anklänge der Farbtöne, die wir zu kennen glauben. Vielmehr strahlen seine Werke aus sich heraus, dehnen sich in den Raum und scheinen ihn mit diesen neuen Farben ganz zu beleuchten. Diverse Autoren sprechen zu Recht von einem Schweben der Bilder im Raum. Ein schwebendes strahlendes Licht im Raum. Womit wir wieder beim barocken Theatrum sacrum wären. Tatsächlich sind die Bilder des Künstlers hochemotional. Sie scheinen aus Emotionen entstanden und wecken Emotionen. Dabei steht die schwer zu beschreibende Verbindung aus Farbe und Licht im Zentrum. Ein zentrales Thema ist das Licht und die Lichthaltigkeit des Bildes. Im Licht wird immer eine Metapher für Transzendenz gesehen. Dass Shanahans Gemälde auch ihren Weg in sakrale Räume gefunden haben, wie beispielsweise in der Kunst-Station Sankt Peter in Köln, verwundert daher nicht. Farbe ist immer Licht, besteht sie doch aus Licht. Aber dieses Licht sicht- und spürbar zu machen ist große Kunst, die uns hier und heute begegnet.

Die mehrfach von mir benutzte Einordnung des Künstlers in die Richtung der Minimal Art hat, trotz dem eben gesagten, seine Berechtigung. Nicht nur aufgrund ihrer Objekthaftigkeit, allein deshalb, weil die Werke Shanahans eine faszinierende Beziehung zum Raum eingehen. Die heutige Ausstellung ist vom Künstler selbst kuratiert. Aufgrund der Kenntnis der Räumlichkeiten der Galerie präsentiert er seine Arbeiten speziell für diese Räume. Die Wirkung ist typisch für seine Arbeitsweise. Natürlich hängen seine Bilder an der Wand, aber
in ihnen kommt eine Körperlichkeit und eine Raumerfassung zum tragen, die an diesem konkreten Ort in einer Architekturerfahrung mündet. Durch Shanahans Bilder ändert sich unsere Wahrnehmung des Raumes. Wir können ihn in seinen Ausmaßen und Dimensionen
erfahren und begreifen. Nicht umsonst ist die Ausstellung betitelt „In Space“. Shanahan weiß um die Möglichkeit, mit seinen aus sich heraus leuchtenden Objekten, Raum zu bespielen. In dieser Ausstellung lässt er uns daran teilhaben.
Bei diesem Künstler spürt man, dass seine Kunst aus einer inneren Notwendigkeit entsteht. Die Haltung, die seinem Werk zugrund liegt, entstammt einer tatsächlichen Hingabe an Farbe und Form und deren Möglichkeiten. Im Ergebnis malt Shanahan Bilder, deren Verfallsdatum ein längeres Verfallsdatum aufweist als üblich. Selten habe ich Bilder erlebt, die eine derartige Aura der Zeitlosigkeit umgibt.

Dafür und auch für Ihre Aufmerksamkeit - vielen Dank

 


Dr. Peter Forster, Museum Wiesbaden - Mainz, 28. September 2008

 

 

 

 

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