Corinna Rosteck horizon-fotografische Arbeiten 19. Aug-20. Sep 2008


 

Corinna Rosteck ist im Frankfurter Raum keine Unbekannte, auch wenn sie hier nicht aufgewachsen ist und bereits 1987 zum Beginn ihres Studiums der Malerei und Künstlerischen Fotografie an die Universität der Künste nach Berlin ging.


1991-92 erhielt sie das Erasmus Stipendium für London und ging an‘ s Central St. Martin’s College of Fine Art London zur Absolvierung eines Diploms in Printmaking Fine Art; 1993 machte sie ihr Abschlußdiplom für Malerei bei Prof. Kuno Gonschior und 1994 ihr Meisterschülerdiplom für Photomedien bei Prof. Katharina Sieverding – beides wieder an der UDK Berlin.


1995 erhielt sie ein Reisestipendium für die USA und Japan, 1997 verbrachte sie zunächst als Stipendiatin in Paris, anschließend folgte bis 1998 ein längerer Aufenthalt in New York, dieser war verbunden mit ihrem DAAD Stipendium des International Center of Photographie New York.


Ebenfalls 1998 erhielt sie den 1. Preis der MEWA AG in Wiesbaden und hatte seit den 90er-Jahren auch eine ständige Galerienvertretung hier im Rhein-Main-Gebiet.


2006 erhielt sie eine Dozentur für Fotografie an der Dresdner Sommerakademie und seit diesem Jahr ist C.R. Mentorin für jüngere Studenten an der UDK Berlin (sie lebt inzwischen wieder in Berlin und arbeitet von dort aus, denn die Arbeit hält einen Fotografen bzw. eine Fotografin natürlich nicht vor Ort, sondern veranlaßt sie zu Reisen wie zuletzt in den Oman oder nach Zaragoza, wo sie auf der EXPO 2008 mit Arbeiten im Deutschen Pavillon vertreten war. Sie sehen noch drei dieser Arbeiten übrigens jetzt hier in der Ausstellung.)


Abgesehen von zahlreichen Kunst am Bau – Projekten sind ihre Arbeiten bereits in verschiedenen öffentlichen Sammlungen zu finden, so in der Fotosammlung der Deutschen Bank, der e-on AG, bei Braun-Melsungen u.a. – und hier in unserer Nähe noch zu erwähnen und auch einfach von außen zu betrachten: die Glasfront an dem neuen Gebäude der Landesärztekammer in Bad Nauheim.

 

Unserer hiesigen Ausstellung gab Corinna Rosteck den Titel „horizon“; wir trafen für ihre erste Ausstellung in unserer Galerie eine Auswahl von Arbeiten größtenteils aus den letzten 3 Jahren mit Motiven, die ich als Wasser-, Licht- und Luftspiegelungen umreißen möchte.
Horizon / Horizont: Der Gesichtskreis ist die Grenzlinie zwischen der sichtbaren Erde und dem Himmel, und immer abhängig vom Standort des Beobachters. In der Nautik entspricht der Horizont der Kimmlinie, der sichtbaren Grenzlinie zwischen Wasser und Himmel. Es ist ein Grenzbereich unserer Wahrnehmung.


Wasser ist für C.R. ein vertrautes und sie nach wie vor faszinierendes Gegenüber, ein Spiegel nicht nur von Farbspielen, sondern ein Spiegel vielschichtiger Elemente menschlichen Seins. Insofern repräsentieren diese Arbeiten unseres Erachtens einen guten ersten Einblick in das Werk der Malerin und heutigen Fotografin. Das Element Wasser werden Sie in vielen ihrer fotografischen Arbeiten, Installationen und Video-Arbeiten wiederfinden. Die relativ tiefe Hängung, für die wir uns hier entschieden haben, folgt einfach dem Gesetz des Sehens, dem nach unten gerichteten Blick auf das Wasser.
Sie selbst erklärt zu diesen Arbeiten: „Meine Fotografien thematisieren Spiegelungen und Oberflächen im Stadtraum und im Liquiden. Wie auch beim Licht sind es Transparenz und Spiegelung, die mich beim Wasser faszinieren. Meine Bilder sind nicht kalkuliert, es bleibt die Sehnsucht nach dem Bild.“
Ich meine, diese Aussage läßt sich gerade an der hiesigen Auswahl gut nachvollziehen. Die unscharf gezeichneten, vibrierende Farbflächen und Spiegelungen von „Camouflage“ oder „Halenfog“ beispielsweise besitzen durchaus etwas „Monethaftes“, sie verleiten zu Assoziationen mit seinen Seestücken oder mit andern impressionistischen Arbeiten. Die Suche nach dem Bild, die Empfindung von Sehnsucht und Aura, „dieser einmaligen Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“, wie es bei Benjamin heißt, läßt sich hier gut nachvollziehen.

 

Was aber ist nun in der Fotografie die „Aura“ eines Bildes und worin könnte für den Betrachter die „Erbauung“ bestehen? Wurde letztere nicht gerade durch Fotografie und Film von kurzlebiger „Zerstreuung“ verdrängt?


Seit Beginn der Photographie steht diese in einem spannungsreichen wie auch wechselseitig inspirierenden Verhältnis zur Malerei, hatte aber zumindest bis ins 20. Jahrhundert hinein mit ihrer Anerkennung als Kunstform zu kämpfen. In Benjamin‘ s wohl bekanntester Abhandlung zu diesem Thema, in „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ heißt es: „Der Streit, der im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts zwischen der Malerei und der Photographie um den Kunstwert ihrer Produkte durchgefochten wurde, wirkt heute eher abwegig und verworren... In der Tat war dieser Streit der Ausdruck einer weltgeschichtlichen Umwälzung, die als solche keinem der beiden Partner bewußt war. Indem das Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit die Kunst von ihrem kultischen Fundament löste, erlosch für immer der Schein ihrer Autonomie.“ (vgl. Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt a.M., 2007, S. 24)

 

Bei seiner Analyse von Medien auf Denk- und Wahrnehmungsweisen geht es weniger um Qualitätsunterschiede innerhalb der Rezeptionsmechanismen eines kategorial unbeweglichen Bildes, d.h. die Abläufe unserer Betrachtung, das Abtasten eines stillen Bildes, ob auf Leinwand, auf Papier oder als Fotografie, erfolgt zunächst nach den gleichen Mechanismen. Vielmehr trifft Benjamin Aussagen über die gesellschaftliche Relevanz künstlerischer Verfahrensweisen - worauf ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte - aber nach wie vor bedeutend zum Thema Fotografie finde ich seine Betonung des Wertes von Konzentration und Meditation.


Und deshalb habe ich diesen kleinen Exkurs in die Schriften Benjamin’ s für diese Eröffnung auch ausgewählt.
Was Benjamin an der Fotografie besonders fasziniert, ist das Einfangen des Moments, des Augenblickes, wie er in der normalen Wahrnehmung nicht festgehalten werden kann, da das menschliche Gehirn nur in fortlaufenden Prozessen begreift. D.h. das, was wir in der Wahrnehmung des realen Geschehens um uns herum immer nur sukzessiv aufnehmen und auch sprachlich nur sukzessiv wiedergeben können, können wir am fotografischen Abbild, diesem „eingefrorenen Augenblick“ ebenso simultan erfassen wie beim gemalten Bild. Während das „stille Bild“ immer auch eine kontemplative Wirkung hat (sicherlich mal stärker, mal schwächer), hemmt alles, was in Bewegung ist, eher den Assoziationsablauf des Betrachters. Hier also ist für ihn die entscheidende kategoriale Differenz, zwischen ‚unbeweglich‘ und ‚beweglich‘ (Film).

 

Aber zurück zur Intention des Produzenten. Man Ray hatte einst die grundlegende Beziehung zwischen Fotografie und Malerei für sich auf die Formel gebracht: „Was ich nicht malen kann, photographiere ich, und was ich photographieren kann, werde ich nicht malen“, - diese Worte wurden zu einem Leitmotiv von C.R. Nur dass sie das, was sie fotografiert hat, weil sie es nicht malen wollte, meist weiter bearbeitet und so gelingt es ihr beispielsweise mittels einer reflektierenden Metallfolie, „den ‚eingefrorenen‘ Blick der Kamera zu überwinden und den typischen Charakter von Wasser und Bewegung ‚körperlich‘ zu fassen.“
Anläßlich einer Ausstellungseröffnung in Berlin wies Michaela Nolte diesbezüglich auf eine innere Verwandtschaft zu den ‚Farbraumkörpern‘ von Gotthard Graubner hin. „Graubner hat einmal über seine Arbeiten gesagt: ‚Der eigentliche Naturbezug in meiner Malerei ist das Nachschaffen eines Organismus, das Atmen, das Ausdehnen und Zusammenziehen. Organische Bewegung, wie sie sich in Wolkenballungen, im Rhythmus des fließenden Wassers oder in der stillen Bewegung eines menschlichen Körpers finden lässt.‘ So wie Gotthard Graubner die Malerei als einen Organismus begreift, so verleiht Corinna Rosteck der Fotografie einen organischen Charakter, in dem die Bilder eine unmittelbare und sinnliche Nähe zum Organismus hervorrufen.“ (Zitat Michaela Nolte)

 

Das Überschreiten der fotografischen Grenzen spielt jedoch nicht nur im Hinblick auf die Präsentationsform eine bedeutende Rolle. Diese Arbeiten, oder zumindest die meisten von ihnen, sind auf reflektierende Metallfolie gedruckt, mit UV-Schutzfolie versiegelt und auf den Bildträger einer Aludibondplatte kaschiert. Sie holen auf diese Weise ein, was der „normalen“ Fotografie Probleme bereitet: die Wiedergabe von Licht.
Andreas Steffens erklärt dieses scheinbare Paradoxon folgendermaßen: “Das Licht, das das Foto ‚macht’, lässt sich von ihm nicht bilden. Am ehesten noch in der vertrautesten seiner optischen Wirkungen in der Gegenstandswelt, als Schatten. Der Ursprung des Fotos verbirgt sich in der Ansichtigkeit dessen, was er wirkt. Im Foto wirkt das Licht, aber es zeigt sich nicht. Kommt so viel Licht ins Bild, dass es sich zeigt, wird das Foto nichts zu sehen geben. Licht ins Bild zu bringen, und es aus ihm hervortreten zu lassen, ist eine der ältesten und größten Herausforderungen der Malerei, spätestens, seitdem die Impressionisten die Ateliers verließen und sich dem Spiel des Lichts in der Natur unmittelbar aussetzten. Die Malerei wurde zu einer quasi-wissenschaftlichen Erforschung des Sehens. So intensiv, dass über der Konzentration auf die Weisen und die Mittel der Darstellung deren Gegenstand schließlich immer bedeutungsloser wurde. Die Farbe löste sich aus ihrer koloristischen Funktion und wurde zum autonomen Zweck einer ‚reinen’, zuletzt gegenstandsfreien Malerei.“
(Andreas Steffens: Geste und Kontemplation. Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Thomas Kemper in der Galerie zone B, Berlin, 2007)

Und hier knüpft, für mein Empfinden, die Fotografin Corinna Rosteck an die Malerin Corinna Rosteck an; hier gehen Fotografie und Malerei versinnbildlicht „fließend“ ineinander über und lassen uns über Wahrnehmung reflektieren. Die Starrheit der Fotografie, des eingefrorenen Augenblicks wird wieder gelöst, Licht wirkt nicht nur in der Fotografie und wird auch nicht nur seiner Negativform abgebildet, sondern fügt sich mittels Reflexion von realem Lichteinfall im Sehprozeß des Betrachters und durch die eigene Bewegung des Betrachters wieder dem Bild hinzu. (Ein gutes Beispiel ist hier mein Gegenüber: „Zellfliessen“)


Die Fotografie erhält Charaktereigenschaften „anderer kategorial unbeweglicher“ Bilder zurück, nicht kurzweilige Zerstreuung ist ihre Absicht, sondern Konzentration, Ruhe, Naturerfahrung, meditatives „Abtauchen“ in Farbflächen, Farbtiefen, „Farbseen“.

„Horizon“ steht bei Corinna Rosteck für eine Grenze, die sich auflöst, Stille und Bewegung, Licht und Dunkel, Oberfläche und Tiefe, Aura versus Apparatur – all diese Polaritäten verlieren ihre Unüberwindbarkeit. Und wer das heute noch nicht erkennen mag, dem kontern wir, Corinna, doch nochmals ganz gelassen mit Benjamin: „Es ist von jeher eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst gewesen, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist.“

 

 

Evelyn Bergner, Mainz, 16. August 2008

 

 

 

 

 

 

 

 

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