Karina Wisniewska silent dynamism 19. Feb - 12. Apr 2008

Liebe Karina, sehr geehrte Damen und Herren,


Herr Job und ich begrüßen Sie herzlich zur ersten Eröffnung in diesem Jahr, das für Sie hoffentlich positiv begonnen hat und in das wir hier in unserer Galerie noch die Color Based Paintings Ausstellung haben fließen lassen, die für uns eine sehr interessante Ausstellung war und die wir aufgrund der guten Resonanz auch noch etwas verlängert hatten. Heute also eröffnen wir die erste gemeinsame Einzelausstellung mit K. W., von der Sie zuvor in der Gruppenausstellung quasi eine "kleine Kostprobe" haben sehen können.


K. W. wurde 1966 in Venedig als Tochter polnisch-schweizerischer Eltern geboren. Nach Aufenthalten in Ägypten, den USA und Berlin siedelte die Familie in die Schweiz über. Schon als Kind erhielt sie Klavierunterricht, war später dreifache Preisträgerin des Schweizerischen Jugendmusikwettbewerbs und so setzte sie ihre Ausbildung auch zunächst mit dem Schwerpunkt im musikalischen Bereich fort, studierte an der Hochschule für Musik und Theater in Bern, absolvierte die Meisterklasse und schloß noch ein dreijähriges Studium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, am «Mozarteum» in Salzburg an.


Ich verkürze es: Von 1991 bis 2000 etwa erfolgte parallel eine kontinuierliche Weiterbildung im Bereich Malerei, während sie jedoch zeitgleich bereits einer internationalen Konzerttätigkeit und Karriere als Solistin und Kammermusikerin nachging. (Mit Auftritten u. a. an den Wiener Festwochen, in der Berliner Philharmonie, an den Musikfestspielen Baden-Baden, in St. Petersburg, mit dem Moskauer Orchester u.v.a.)


Dann wurde 2000 für K. W. aber ein entscheidendes Jahr, ein Jahr gravierender Veränderungen, ausgelöst durch eine Verletzung an der Hand. Sie beendet ihre musikalischen Tätigkeit, zieht nach Zürich um, richtet sich dort ein eigenes Atelier ein und konzentriert sich fortan ausschließlich auf die Malerei. 2003 fügt sie noch ein Anschlußstudium an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich an.


Aber kommen wir zu unserer heutigen Ausstellung:
Sie sehen hier rund 20 Arbeiten aus den letzten zwei Jahren: Acryl, Acryllack und Quarzsand auf Leinwand, alle dem Materialauftrag nach Strukturbilder, mal mehr die malerischen Qualitäten und den Farbraum betonend wie bei den sogenannten monochromen, mal mehr das zeichnerische Element, die Linie betonend. Bei den kleinen kalligraphischen Tafeln im Eingang ist man schon fast geneigt, von
objekthaften Arbeiten zu sprechen. Gemeinsam ist ihnen allen, wie schon der Ausstellungstitel betont, eine starke Dynamik, Präsenz und Emotionalität, aber nie vordergründig laut, sondern ihre Wirkung leise aus dem Bild- und Klangraum heraus verbreitend.


K. W. bezeichnet sie selbst als "Klangbilder" und sagt: "Die Räume und Farbstrassen meiner Klangbilder – Acryllackbahnen, mit reinem oder eingefärbtem Quarzsand angereichert – sind voll von Erscheinungen des Fliessens, des Spiegelns und des Unfasslichen. Das Nachsinnen über Anordnungen und Zufälligkeiten führt zur suggestiven Naturlandschaft. Die Wurzeln der Bilder liegen im Gedächtnis und in der Assoziation von Gefühlen und Erinnerungen. Zufälligkeiten und Absichten lösen einander ab. Die Richtungen der Farbspuren lassen sich lenken und steuern, das Zerfliessen und Ineinanderwachsen der Farbtropfen nicht mehr. Alles ist offen, und alles wirkt gleichzeitig strukturiert."

 

Wesentliche Impulse für ihr gesamtes künstlerisches Schaffen findet sie nach eigener Aussage insbesondere im Werk von Johann Sebastian Bach, dem "Klavier-Komponisten, Harmonisten, Kontrapunktiker und Komponisten funktionaler Musik" sowie in dem faszinierenden vielseitigen Gesamtwerk von John Cage.


Der Begriff des "Kontrapunkts" beispielsweise meint die Kunst bzw. Technik, Gegenstimmen zu gegebenen Tonfolgen zu erfinden, die sowohl einen sogenannten vertikalen, d.h. harmonisch sinnvollen Zusammenklang ergeben, als auch eine horizontal-lineare, melodisch sinnvolle Eigenständigkeit aufweisen. - Es sind also jeweils die theoretischen Ansätze, musikalische Grundthemen oder Erneuerungen und Philosophien, die hinter den Werken der Komponisten stehen, die K. W. natürlich immer schon bei ihrer künstlerischen Tätigkeit interessiert hatten und heute bei ihrer malerischen Umsetzung interessieren. Teilweise verweisen auch ihre Titel auf die jeweilige musikalische "Erinnerung", so ist "pattern in a chromatic field" (die kleinere Arbeit aus der blauen Serie) beispielsweise einem Musikstück von Morton Feldman gewidmet, dem US-amerikanischen Komponisten, teilweise Weggefährten von John Cage, der im Laufe seines Schaffens zur präzisen Notation zurückkehrte und sowohl in seiner musikalischen Umsetzung als auch beispielsweise im malerischen Werk von Rothko das meditative Element schätzte ( - soweit sich das in einem Satz zusammenfassen läßt.)


Schaue ich zurück auf die blaue Arbeit (oder die weiße oder rote), fällt mir bei diesen sogenannten monochromen sogleich ein stark geplantes Vorgehen, eine kontinuierliche systematische Oberflächenstrukturierung auf, man könnte vielleicht sagen, sie wirken mehr konstruiert als komponiert? In der Gegenüberstellung jedenfalls zu jenen schwarz-weißen, mehr gestischen, in ihrer Machweise dem Informellen nahestehenden Arbeiten.


Komposition meint schließlich innerhalb eines jeden Mediums einen bewußten, nach Harmoniegesetzen vorgenommener Eingriff des Künstlers, um in die endlose Vielfalt des Möglichen Sinn, Ordnung und natürlich auch eigene Handschrift zu bringen:
K. W.‘ s Klangbilder vermitteln zwischen den Disziplinen und veranschaulichen Ordnungsgefüge, "schaffen Bewußtsein".


Und damit wären wir bei dem bereits erwähnten, vor 6 Jahren verstorbenen Musiker, Maler, Philosophen und Literaten John Cage angelangt, für den sie verständlicher Weise höchste Wertschätzung empfindet und es folgendermaßen begründet:
"Für mich steht Cage als 'Klangphilosoph' höher denn als Komponist. Experimentelle Ausdrucksformen, die mit Geräuschen und ungewohnten Klangfolgen arbeiten, werden zumeist schnell als «unhörbar» oder «unharmonisch» abgelehnt. Viele seiner Werke scheinen mir als Konstrukte, die, wenn man die zugrunde liegende Theorie liest, sehr faszinierend wirken, jedoch in natura keinen dementsprechenden auditiven Eindruck hinterlassen. Seine Werke sind nicht am Bedürfnis nach Musik orientiert, sondern mit dem Willen nach etwas Ungehörtem und Experimentellen geschaffen worden. Die genauere Beschäftigung mit ihnen reisst auditive Wahrnehmung des Alltags aus den eingefahrenen Bahnen und öffnet die Ohren zum bewussten Hören."

Diese Einschätzung korrespondiert durchaus mit seiner eigenen; er selbst sagte einmal zu seiner Musik: "Die Musik, mit der ich mich beschäftige, muss nicht unbedingt Musik genannt werden. In ihr gibt es nichts, woran man sich erinnern soll. Keine Themen, nur Aktivität von Ton und Stille."

 

Cage lieferte entscheidende Impulse für die intermediäre Kunst des 20. Jh. und sein Gesamtwerk steht heute für die Aufhebung der traditionellen Trennung zwischen Musik, Tanz, Theater und bildender Kunst.
Bezüglich der Malerei hatte den durchgehenden Rhythmus natürlich schon vor ihm Jackson Pollock in der Kunstgeschichte verankert, doch Cage spielt quasi in allen Disziplinen, so auch in seinen graphischen Notationen und seinen Zeichnungen, die unterschiedlichsten Varianten zufallsbedingter Verfahren durch.


(Die drei Tafeln "drip music" sind insofern eine Hommage an John Cage.)

Ich sehe bei K. W. nun weniger die Infragestellung von Ordnungsprinzipien, sondern vielmehr deren Thematisierung.
Dem Zufall, einer Eigendynamik im Entstehungsprozeß, Abläufen und Energieflüssen wird in ihrer Arbeit zwar viel Raum gelassen, doch greift sie immer wieder bewußt ordnend ein. Auch wenn die Linien, z. B. bei dem Diptychon "Black Lines" an der hinteren Wand rechts, über den Bildträger hinaus weisen, so verhalten sie sich doch weder nach dem Prinzip des all-over noch bieten sie dem Betrachter die Möglichkeit einer Transzendierung ins Unendliche: Sie werden sogleich, sprich in der benachbarten Bildtafel, wieder aufgenommen und gelenkt weitergeführt. Aber, und das macht eben den ästhetischen Reiz dieser Arbeit aus, nicht in Form einer geometrischen, mathematisch exakten Weiterführung, sondern als Wiederaufnahme einer aus der freien Hand gezeichneten Linie und Bewegung, mit minimalen Versatzstücken und Teilungen.
(Schauen Sie sich nachher bitte mal die mittleren Ränder der beiden Bildträger des Diptychons an, der spannende Bereich liegt natürlich in dieser Übergangszone, in den gemalten Richtungsimpulsen, sprich dunklen Linien, die den Blick des Betrachter lenken und ihm gleichzeitig ein hohes Maß an Freiheit lassen.)
Es gilt letztendlich für all ihre Bilder, aber bleiben wir abschließend noch einmal bei einem Blick auf diese bewegungsstarken Arbeiten wie "Vibrant" hier vor uns:


Zufälligkeiten und Absichten lösen einander nicht nur ab, im Sinne von "wahllos ab", sondern sind zwei Pole innerhalb eines jeden informellen Machprozesses. Dynamik und Eigendynamik innerhalb des Entstehungsprozesses lassen die "formlose Form" entstehen, die wir hier einem kraftvollen, gewirbelten schwarzen Pinselstrich gleich auf weißem Grund sehen. Form als wahrnehmbare Struktur durch Energiefluss, welcher sich nicht regelhaft erklären läßt und der der bewußten Eingriffe und Korrekturen des Malers bedarf - analog etwa der Korrektur von Worten im Schreiben eines Satzes – wie Rolf Wedewer es einmal sehr anschaulich verglichen hat.

 

Als Resultat einer Systementwicklung liegt dann schließlich das fertige Bild vor und wird zu einer Metapher für sämtliche Prozesse der Selbstorganisation in unterschiedlichsten Systemen.


Vielen Dank.

 

 

 

Navigationsbutton "zurück"
Logo der Galerie BERGNER + JOB
EXHIBITION
WORKS AVAILABLE
PROFILE
ARTISTS
EDITION
ART FAIR
PUBLICATION
CONSULTING
CONTACT
MAPS
BOARD
EXHIBITION
WORKS AVAILABLE
PROFILE
ARTISTS
EDITION
ART FAIR
PUBLICATION
CONSULTING
MAPS
CONTACT
BOARD
BERGNERplusJOB.net last update 2008.12