Martin Streit Malerei 11. Sep - 27. Okt 2007

Evelyn Bergner Eröffnungsrede zur Ausstellung, 8.9.2007

 

Lieber Martin,
sehr geehrte Damen und Herren,

 

Herr Job und ich begrüßen Sie herzlich zur ersten Ausstellung nach der sogenannten Sommerpause – in der wir dieses Jahr gar nicht so viel „pausiert" haben, wie Sie durch unsere Einladungen ja mit verfolgen konnten.
Am vorletzten Wochenende hatten wir zu einem Konzert- und Vortragsabend in die Christuskirche hier in Mainz eingeladen, weil dort eine schwebende Arbeit des österreichischen Bildhauers Knopp Ferro über dem Altar von Erwin Heerich installiert wurde. (Leihgabe bis mind. Ende September, also noch zu sehen!)

 

Des weiteren sind wir in den Vorbereitungen und Planungen für verschiedene Projekte, auch außerhalb unserer Galerie, und so vergingen die Augustwochen für uns rasant schnell.
Nichts desto weniger freuen wir uns, heute abend die mittlerweile zweite Einzelausstellung mit Martin Streit eröffnen zu dürfen; unsere erste gemeinsame Ausstellung hatten wir 2005, danach regelmäßig gemeinsame Messepräsentationen (die Sie vielleicht auch in Erinnerung haben, im Frühjahr und im letzten Herbst in Köln) und jetzt sehen Sie neue Arbeiten, alle aus 2007: Stilleben, Figurenbilder und, im weiteren Sinne, architektonische Darstellungen.
Das Motivrepertoire bei Streit ist begrenzt, von ihm selbst reduziert auf bestimmte Variationen und macht seine künstlerische Position, seine Malerei in ihrer Intimität auch damit unverwechselbar.

 

Auch wenn er den meisten von Ihnen bekannt ist, möchte ich ihn noch einmal kurz vorstellen: Martin Streit, geb. 1964 in Koblenz, lebt in Köln und Andernach-Kell (Atelier im Sommer). Er studierte Malerei an den Kunstakademien in Münster und Düsseldorf (Meisterschüler bei Gotthard Graubner). 1999 erhielt er das Casa-Baldi-Stipendium des Landes Rheinland-Pfalz (Casa Baldi ist die Dependance der Villa Massimo in Rom), war beteiligt an Ausstellungen im Kunstverein Münster, auf der Insel Hombroich bei Neuss, im Mittelrhein-Museum Koblenz sowie im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal.

 

Nachdem wir Dich, Martin, so unbeirrt weiter zeigen, ebben langsam die Fragen ab, was diese malerische Position überhaupt in einer Galerie mit dem Programmprofil "nicht-figurative Kunst" zu suchen hat.
Anläßlich der letzten Eröffnung wies Justus Jonas darauf hin, daß Martin Streits Malstil sich zum einen frei von irgendwelchen Trendüberlegungen entwickelt hat und daß er zum anderen nie einen Hehl aus seiner Wertschätzung für klassische Positionen der Moderne gemacht hat; daß er auf die Selbstentfaltungskraft der Farbe setzt, ohne Gegenständliches oder Figuratives aufzugeben.

 

Es sind Farbräume, die innerhalb dieser Konturen abstrakter Formen, der zu erahnenden Häuser, Schalen, Kisten, Kugeln entstehen.
Und obwohl das reine Farbphänomen, der Farbraum, das Licht, die Qualität dieser Malerei bestimmen, bedürfen sie und erwachsen erst aus der sie als Fläche definierenden Figur.
So wie jede Qualität erst durch Abgrenzung zu einer zweiten, benachbarten erkennbar wird, so entstehen diese ungegenständlichen Farbräume durch die Gestalt, oder genauer gesagt, durch die Abstraktion von einer Gestalt.

 

In einem Gespräch mit Peter Tollens, dessen Arbeiten Ihnen ja ebenfalls bekannt sind, und der auch schon gemeinsam mit Martin Streit ausgestellt hat, haben wir kürzlich auch über die verschiedenen künstlerischen Konzepte sogenannter abstrakter wie auch ungegenständlicher Maler dieser Generation gesprochen.

 

Er meint, und ich denke, durchaus stellvertretend für viele, daß für seine Generation, und damit auch für die von Martin Streit, die künstlerischen Themen der Nachkriegszeit natürlich längst alle formuliert waren. Auf sie konnte zurückgegriffen werden, oder sie konnten angezweifelt werden. Wenn er, Peter Tollens, beispielsweise einerseits ganz "traditionell monochrom" von der Ausbreitung der Malerei in der Fläche ohne weitere Verweise auf Figürlichkeit und Illusion ausgeht, und so die Malerei und den Malprozeß selbst zum Gegenstand formuliert - zu seiner Form von "Realismus"- , macht auch er andererseits, aus seiner Perspektive als Vertreter der jüngeren Generation, ebenfalls einen ganz entschiedenen Schritt zurück, nicht nur zu den traditionellen Mitteln der Malerei, sondern zur Intention des klassischen Tafelbildes.


Es handelt sich für all diese Maler nicht darum, neue Themen zu finden, Neues zu erfinden, sondern um rein malerische Intentionen, die weit bis in die Umbruchphase der Renaissance zurück reichen. Und dieses Aufspüren, dieses gefühlte Wissen von Themen, die vielleicht so alt sind, wie die Menschheit selbst, äußert sich immer wieder besonders bei den Vertretern der reduzierten Malerei, z.B. wenn Gotthard Graubner Tizian zitiert oder Jerry Zeniuk sich auf Giotto beruft.

„Farbräume sind Empfindungsräume", wie Max Imdahl zu den Arbeiten von Graubner sagte. Wir nähern uns einem Gemälde sowohl mit unserem anmutungshaften Verstehen, wie auch mit unserem artikulierenden Verstehen. Beide Versuche der Bildbewältigung sind für sich genommen komplexe Prozesse.

Martin Streit setzt, wie bereits gesagt, auf die Selbstentfaltungskraft der Farbe.
Für das Aufspüren dieser „Empfindungsräume" bedarf es also primär unseres anmutungshaften Verstehens. Gleichzeitig bekommen wir durch die schemenhaft angedeuteten, uns bekannten Gegenstände aber ein Korrelat zum „Farbgegenstand" geboten, einen Bildgegenstand, den wir benennen und einordnen können. Der Gegenstand mag diffus aufgelöst sein, die Konturen verwischt, aber mit dem Anspruch, Räumlichkeit und Tiefe zu intensivieren, Fülle, wahrnehmbare wie fühlbare, zu erzeugen. Wie Jürgen Schilling es in dem Katalog des Von-der-Heydt-Museums formulierte: „So gelingt es Streit, auf Kosten der Wiedererkennbarkeit die sinnliche Präsenz zu intensivieren und den Prozeß seiner Malerei zum Thema zu machen."

Und er, Martin Streit, im Malprozeß, wie wir, die Betrachter, im Rezeptionsprozeß, halten gerne an dem angedeuteten Gegenstand fest, um uns der Tiefe der Farbräume um so freier hingeben zu können.

Davon möchte ich Sie nun auch nicht mehr fernhalten, ich wünsche Ihnen, uns allen, einen schönen Abend und wir bedanken uns bei Dir Martin, für die Ausstellung.

 

Evelyn Bergner


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