Evelyn Bergner Eröffnungsrede zur Ausstellung, 31.3.2007
Lieber Ferro,
sehr geehrte Damen und Herren.
Herr Job und ich freuen uns, Ihnen gleich zum zweiten Mal in diesem Jahr einen - für unsere Galerie - neuen Künstler vorstellen zu dürfen: Knopp Ferro, österreichischer Staatsbürgerschaft, derzeit in München lebend. Für eine Programmgalerie wie der unseren gehen damit ja explizite Entscheidungen voraus und wir denken, mit Thomas Bechinger und Knopp Ferro zwei weitere, neue Positionen in unseren Künstlerkreis gefunden und qualitätvoll besetzt zu haben.
Da es unsere erste gemeinsame Einzelausstellung ist, möchte ich Ihnen Knopp Ferro zunächst kurz vorstellen: 1953 in Bensberg bei Köln geboren; 1973-77 studiert er Metallbildhauerei und Performance an der Fachhochschule für Kunst und Design in Köln bei Prof. Anton Berger; 1975, also bereits während des Studiums, gründet er die Kunstgruppe „Jet Ferro", die er bis 1979 leitet und mit der er 1977 während der Dokumenta 6 bewies, was man alles aus Eisen machen kann, z.b. Sofas... (diese Aktionen, von denen auch Prof. Manfred Schneckenburger in seinem Katalogbeitrag (...)?begeistert berichtet, machten in den 70-ern Furore, so auch seine Zusammenarbeit mit der Kölner Galerie Ingo Kümmel oder, hier in unserem Umfeld vielleicht besser bekannt, seine Ausstellungen bei Harlekin Art von und mit Michael Berger.
Quasi dazwischen, im Jahr 1976, arbeitete er beim Zirkus Roncalli mit; Von 1980–1990 ist er Autor und Darsteller des Performance-Theaters „Bumper to Bumper" in Zürich, unterhält bis 92 auch ein Atelier in Zürich, bis 94 eines in New York, kehrt dann aber wieder zurück nach Köln, hatte sich inzwischen für eine eigenständige künstlerische Laufbahn entschieden (also nicht mehr innerhalb einer Künstlergruppe) und lebt und arbeitet seit Frühjahr 2006 in München und in Inning am Ammersee.
Auf sein bildhauerisches Werk möchte ich mich heute abend auch beschränken, von allem anderen dürfen Sie sich natürlich gerne anschließend beim Wein von ihm persönlich erzählen lassen.
Auf unserer Einladungskarte heißt es :"Skulptur + Zeichnung, drawing beyond gravity" was meint "Raumzeichnungen, Zeichnungen jenseits der Schwerkraft".
Sie sehen hier Skulpturen aus den letzten drei Jahren, sowie Zeichnungen von 2002 - 06 (wobei ich einschränkend sagen muß, wir haben beim Aufbau eine Auswahl getroffen, es sind noch weitere Zeichnungen hier, die wir Ihnen auf Wunsch gerne zeigen.)
Im hinteren Raum sehen Sie das große "Linienschiffe Kap" von 2005, eine sogenannte "Fuge", hier vorne die Edition für unsere Galerie, zwei weitere stehende Plastiken, ein kleines Linienschiff im Kabinett und hier, über unseren Köpfen, die "Skulptur 20:13 (Uhr)"
Alle Arbeiten hier sind von Ferro mit der Uhrzeit ihrer Fertigstellung versehen. Ihm ist diese Angabe wichtig, weil sie ihm einerseits Neutralität bei den Titeln ermöglicht, also keine ungewünschten Assoziationen aufkommen läßt, aber natürlich auch, weil der Verlauf dieser Linien gleichzeitig Zeit definiert, Zeit und Bewegung im Raum.
Raumplastiken und Raumzeichnungen haben natürlich ihre kunsthistorische Tradition. Man mag sich erinnert fühlen an Mobiles von George Rickey oder an Raumplastiken von Norbert Kricke, die ebenfalls bereits den Raum mehr thematisierten als die eigene plastische Ausbreitung; wie sie sind Ferro’ s Linienschiffe oder Raumzeichnungen keine "geschlossenen Gebilde, die sich gegen den Raum abschließen und endliche Körper- oder Raumformen erschaffen. Konturwert, das heißt Begrenzungsqualität", wie Max Imdahl
es nannte (vgl. Erläuterungen zur Modernen Kunst, Bochum 1990, S. 129,) besitzen diese zart-gliedrigen, mobilen Arbeiten nicht.
Zumal sie nicht fixiert sind, es gibt kein "So-und-nicht-anders" vor unserem Auge, sondern mit jedem Luft- oder Atemzug und jedem Anstoß ergibt sich immer wieder eine neue Sichtweise. Diese filigranen Objekte wippen, federn, vibrieren, greifen in die Luft, wie es in einem Textbeitrag der Züricher Skulpturengalerie sehr schön beschrieben wird.
Weiter heißt es: "Sie pendeln ihr eigenes Gewicht aus und reagieren gleichzeitig auf die Luftströme im Raum. Die Zartheit der Ferro’schen Skulpturen visualisiert gekonnt Bewegungen und Ruhe – sie zeichnen im Raum inhaltlich wie formal das Verhältnis von Schwerkraft und Linie aus" - eben "drawing beyond gravity".
Bei den stehenden Arbeiten durchmißt ebenso die materialisierte Linie den Raum. Von ihr gehen Richtungsimpulse aus, die unser Vorstellungsvermögen fortsetzt, oder besser gesagt fortsetzte, wäre die Linie statisch. Durch das kinetische Moment, durch die Schwingung zur Seite, durch ein Vibrieren etc. verliert sich die Kraft des Richtungsimpulses in eine fest bestimmte Richtung, sie wird abgeleitet und das Ordnungsgefüge wird, im wahrsten Sinne des Wortes, erschüttert.
Knopp Ferros künstlerisches Werk umfasst bereits mehr als zweieinhalb Jahrzehnte. Er brauchte, wie ich mir in den letzten Tagen erzählen ließ, immer die Stimulanz großer Städte und fand für sich das Eisen als den Stoff für seine Arbeit, in dem er Prozesse, Symphonien und vor allem Balancen, Kräfteverhältnisse, veranschaulichen konnte.
Wenn Sie sich in den Katalogen auch frühere Arbeiten von ihm anschauen, werden Sie sehen, daß sich immer schon eine konstruktivistisch-minimalistische Grundhaltung erkennen ließ, kombiniert mit dadaistischen Momenten, früher stärker, heute weniger.
Finden wir in den Linienschiffen von 2005 und 2006 noch leiterähnliche Mobileteile, so sind die Arbeiten von 2007 nochmals einen deutlichen Schritt strenger geworden, aber so ein paar kleine Eisenröllchen an Stellen, an denen sie nicht zwangsläufig, also nicht notwendig für die Aufhängung und Befestigung der Stäbe sein müßten, bleiben auch hier -quasi als letzte Kontrapunkte zur rein konkreten, geometrischen Form. Man könnte auch sagen, sie aktivieren die "Freude an den nicht zweckverhafteten Seiten der Technik." (vgl. P.A. Riedl zu George Rickey)
Ich möchte damit bei diesen neuen Arbeiten jedoch gar nicht weiter auf eine nach-dadaistische Formensprache, ironische Momente und andere viel zitierte Aspekte, die für sein früheres Werk auch sicher zutrafen, verweisen. Vielmehr beeindruckt mich heute, wie Ferro damit zu einer eigenen Handschrift gefunden hat, die sich daran erkennen läßt, daß der Mensch als Korrelat dieser geradlinigen, architektonischen Ordnungsgefüge zumindest immer wieder ins Spiel gebracht wird. Es "menschelt" mit Hilfe von kleinen unlogischen, "nicht zweckhaften" Einschüben, innerhalb dieser strengen konstruktivistischen Formen. Und damit ist sein Werk für mich, so wie ich ihn jetzt auch kennengelernt habe, authentisch.
Bei Knopp Ferros Arbeiten auf Papier sucht im Grunde ebenso die Linie eine Balance, es handelt sich aber keinesfalls um Konstruktionszeichnungen für seine plastischen Werke.
Es gibt Federzeichnungen, lyrische, prozesshafte Arbeiten, Messerzeichnungen und die sogenannten "frühen Morgenzeichnungen", von denen wir hier eine Reihe ausgesucht haben. Dabei handelt es sich um kurze, vorbewußte Notationen, die in den Sekunden des Erwachens entstehen. Es sind vorgedankliche Ausführungen, die später, mit Distanz und Bewußtsein betrachtet, in einer Art Umkehrerfahrung teilhaben und einfühlen lassen in flüchtige, kostbare Momente des Loslassen-Könnens.
Diese zarten Zeichnungen, die immer nur phasenweise (um keine Routine aufkommen zu lassen) und häufig auf Reisen entstehen, haben uns besonders fasziniert und zeugen, unseres Erachtens, auch für eine erste Einzelausstellung, bei der man ja nur einen Einblick geben kann, sehr eindringlich von der prozesshaften Werkauffassung Ferros.
Soweit meine kurze Vorstellung, vielen Dank, und vor allem Dir, Ferro, danke für die schöne Ausstellung!