Color based paintings II   21.11. 2006 - 27.1. 2007

Walter Vitt, Eröffnungsrede zur Ausstellung
und zum 15 jährigen Bestehen der Bergner+Job Galerie, 18. November 2006

 

Stephan Baumkötter, Köln • Thomas Bechinger, München • Bruno Erdmann, Darmstadt • Paul Goodwin, Mailand • Gotthard Graubner, Düsseldorf • Joseph Hughes, San Francisco • Raimer Jochims, Frankfurt • A. Paola Neumann, Berlin • Rolf Rose, Hamburg / Berlin • Mark Rothko, USA • Seán Shanahan, Mailand • Martin Streit, Köln • Peter Tollens, Köln • Dieter Villinger, München • Winfried Virnich, Köln • Jerry Zeniuk, München / New York

 

Liebe Frau Bergner, sehr geehrte Frau Dr. Fellbach-Stein, lieber Herr Job, sehr geehrter Herr Dr. Krawietz, meine sehr verehrten Damen und Herren,
im November vor 15 Jahren, genauer: für den 9. November 1991 war ich angekündigt, die Eröffnungsrede zur ersten Ausstellung zu halten, die Alf-Krister Job in seiner damals neu eröffneten Galerie eingerichtet hatte. Er zeigte Werke von Klaus Staudt, seinem wichtigsten Lehrer, und seine Galerie hatte er – der Adresse entsprechend – Galerie Große Bleiche 47 genannt. Nun – wer von Ihnen damals schon dabei war, wird sich erinnern oder wird sich auch nicht erinnern, dass der aus Köln avisierte Redner ausfiel. Ich hatte von einer Reise nach Los Angeles eine heftige und langwierige Virus-Infektion der Lunge mitgebracht und musste meinen Auftritt absagen, was mir äußerst unangenehm war, dem Künstler gegenüber und auch dem Neu-Galeristen.

Ich kam mir vor – erlauben Sie mir einen Vergleich aus dem Leistungssport – ich kam mir vor wie jemand, der einen anderen Läufer schon gleich beim Start ins Straucheln bringt. Mein schlechtes Gewissen verfolgte mich bis in die Träume. Ich lese in meinem Tagebuch, dass ich mich in der Nacht nach der Absage im Traum mitten in einem kubistisch gemalten Stadt-Bild befand, ich war Teil dieses Bildes. Wie von Geisterhand bewegten sich die einzelnen Häuser-Kuben in einem rhythmisch unberechenbaren System, rückten über die Bürgersteige in die Straßenmitte, dann wieder zogen sie sich tief in die Hinterhöfe zurück. Die Bewegungen hatten starke Sogwirkungen. Ich geriet immer mehr ins Torkeln. Es fiel mir äußerst schwer, in dieser gemalten und doch traumrealen Stadt das Gleichgewicht zu halten. Ich konnte mich auch nirgendwo festhalten, weil alles in Bewegung war. Das war vor 15 Jahren.

Nun bin ich also – zum Jubiläum der Galerie - wieder als Redner eingeladen worden. Nach dem Gesetz der Zufälligkeiten, so dachten die beiden Galeristen gewiss, wird dieser Mensch nicht zum zweiten Mal ausgerechnet krank, wenn er nach Mainz soll. Nun, sie hatten Recht mit ihrem Zutrauen. Ich habe mich rechtzeitig gegen Grippe impfen lassen, ich habe nicht absagen müssen, ich habe nichts Belastendes geträumt, die Bahn AG war pünktlich – nein, die war natürlich nicht pünktlich, aber es hat gereicht, hierher zu kommen.

 

Mit der Bronchitis hat sich stattdessen der Galerist in den vergangenen Wochen geplagt, aber im Gegensatz zu mir vor 15 Jahren hat er die Krankheit nun punktgenau im Griff, er hat während der Ansprachen meiner beiden Vorredner nicht ein einziges mal gehustet, so dass ich mein geplantes Bonmot nicht anbringen kann, dass ein großer Unterschied besteht zwischen „Husten bei Anwesenheit und Nicht-Reden bei Abwesenheit".

 

Ich komme zur Sache. Die BERGNER + JOB Galerie – sie firmiert seit 2003 unter dem veränderten Namen – wird von zwei gelernten Kunstwissenschaftlern geführt. Evelyn Bergner, deren Wiesbadener Galerie sich 2001 mit Jobs Mainzer Galerie zusammengeschlossen hat, studierte in Bochum bei Max Imdahl und schrieb ihre Magisterarbeit über Giottos Fresken in Padua und Florenz, aber Imdahls Studenten haben bei dem leider allzu früh gestorbenen Kunsthistoriker auch immer Instrumente an die Hand bekommen, wie moderne und zeitgenössische Kunst einzuordnen ist. Imdahl sparte die Moderne nicht aus, wie viele Kunsthistoriker das tun. Auch ich habe von ihm entscheidende Impulse erhalten, mich der Moderne mehr und mehr zu vergewissern – das war schon in den 1950er Jahren, als Imdahl noch in Münster lehrte. Alf-Krister Job hat an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach bei Klaus Staudt studiert und ging danach zu einem kunstwissenschaftlichen Aufbaustudium nach Braunschweig. Seine Diplomarbeit in Offenbach schrieb er über die „Bedeutung der Farbe Weiß in der Kunst nach 1945".

 

Bilder mit unterschiedlichen Weiß-Tönungen sind für viele Betrachter ja deshalb eine große Herausforderung, weil wegen mangelnder Kontraste der Sehprozess nicht sofort angeregt wird. Vor einem weißen Bild ist mehr Seh-Arbeit zu leisten als vor jedem anderen Bild, vor einem weißen Bild ist Geduld gefragt, weiße Bilder sind keine Fastfood-Kunst, vor einem weißen Bild entscheidet es sich, ob der Betrachter in Kunst eindringen möchte, ihr auf die Schliche zu kommen versucht oder von Kunst lediglich unterhalten werden will. Seit einigen Jahren ist in unseren Theatern das Bühnen-Stück „Kunst" der Pariser Autorin Yasmina Reza zu sehen. Es ist das erfolgreichste Stück dieser Jahre – es verhöhnt einen Mann, der ein weißes Bild erworben hat und zwei seiner besten Freunde nicht deutlich genug zu machen kann, dass ihm dieses weiße Bild wichtig ist. In immer wieder neuen Gesprächen wird das Bild zum Katalysator aufbrechender Konflikte zwischen den drei Freunden, bis die Freundschaft schließlich zerstört ist. Ich habe das Stück „Kunst" in fünf verschiedenen Inszenierungen gesehen, nur in einer wurden die Argumente f ü r ein weißes Bild so vorgetragen, dass das Publikum entscheiden konnte, ob es ein solches Bild für eine künstlerische Möglichkeit hält oder nicht, in den übrigen Aufführungen wurde eine sachliche Sicht auf das weiße Bild in der Weise sprecherisch dargeboten, dass die gebrauchten Worte ausdrücklich nicht glaubwürdig wirkten. Schauspieler können so etwas - mit wortgleichem Text sachlich oder positiv oder negativ zu wirken. In den Behausungen der Schnee- und Eislandschaft der Eskimos gibt es wahrscheinlich keine weißen Bilder, aber wenn es sie gäbe, würde niemand dort verstehen, dass Menschen mit weißen Bildern Probleme haben könnten; die Eskimos besitzen etwa einhundert verschiedene Worte für die unterschiedlichen Beschaffenheiten ihrer weißen Landschaft. Ein weißes Bild kann ihnen nicht fremd sein oder gar Freundschaften zerstören. Wenn es anders sein sollte, wäre ich sehr traurig und müsste meinen Vortrag kürzen.

 

Nun hat uns Alf-Krister Job aber den Gefallen getan und ist beim Programm seiner Galerie nicht nur den Beispielen seiner Diplomarbeit gefolgt. Hier in Mainz sind viele Farben zugelassen, und selbst Bruno Erdmann, einer der Künstler der Galerie, hat nach einer langen Phase weißer Bilder dann doch wieder bunte Farben zugelassen. Aber nicht nur Künstler machen eine Entwicklung durch, auch Galerie-Programme. Job begann seine Mainzer Galerie-Arbeit quasi als Fortsetzung seiner Museums-Tätigkeit in Otterndorf im Museum moderner Kunst des Landkreises Cuxhaven – mit zeitgenössischen Künstlern des Konstruktiv-Konkreten oder auch des Gestisch-Abstrakten – für dieses nenne ich Bramke, für jenes Staudt und Rompza, Wilding und Freimann. Dieses Programm einer nicht-figurativen Malerei und Plastik vervollständigte sich im Laufe der Zeit durch das Interesse beider Galeristen am Monochromen, an Bildern mit prozesshaftem Werkaufbau und an Künstlern, die den Malprozess zum Gegenstand ihrer Kunst machen; auch an Künstlern der so genannten Radikalen Malerei, einer Malerei, deren Schöpfer die Farbe als Farbe meinen, die mit Farbe nicht etwas anderes darstellen wollen als Farbe, also die Farbe ausschließlich in ihrem Farbigsein und in ihrer Materialität, ihrer Körperlichkeit, akzeptieren, als „etwas anerkennen, das physisch da ist" (Umberg). Die Begriffs-Findung „Radikale Malerei" reklamiert Jerry Zeniuk für sich, öffentlich gebraucht wurde „Radical Painting" erstmals 1984 für eine Ausstellung in den USA, im Williams College Museum of Art in Williamstown, kuratiert von Thomas Krens, eine Ausstellung, an der Maler wie Joseph Marioni, Marcia Hafif, natürlich Zeniuk, Frederic Thursz, Günter Umberg teilnahmen, Künstler, die – wie Marioni, Zeniuk und Thursz – auch schon in Ausstellungen dieses Hauses zu sehen waren oder fest zum Programm gehören.

 

Bergner und Job sprechen nicht von Radical Painting, sondern benennen ihre Herbstausstellung nun schon zum zweiten Mal mit dem Begriff Color Based Paintings, mit einem Begriff, der von Marioni stammen soll (ich bin da vorsichtig mit der Zuschreibung, wie ich es auch bei Radical Painting bin; wir kennen das von Dada – den Begriff haben mindestens drei Dadaisten erfunden). Mit Color Based Paintings vermag man mehr zu fassen als die Künstler der radikalen Malerei, der Begriff greift sogar so weit zurück, dass selbst Ältere des 20. Jahrhunderts wie Mark Rothko vom Jahrgang 1903 oder Bruno Erdmann vom Jahrgang 1915 darunter Aufnahme finden und ebenso die Zwischengeneration, zu denen ich Girke oder Graubner oder Jochims oder Rolf Rose zähle und dann die Jüngeren natürlich – ich nenne Tollens, Villinger, Baumkötter und Winfried Virnich.

 

Nicht unzutreffend benutzt Evelyn Bergner für die Werke von vielen dieser Künstler auch den Überbegriff „Essentielle Malerei". Ich entnehme das ihrem Wiesbadener Museums-Vortrag zur monochromen Malerei mit dem Untertitel „Positionen essentieller Malerei nach 1960". In diesem Vortrag erörtert die Galeristin auch die Frage, ob es nicht ein Widerspruch sein könnte, den Graubner-Schüler Martin Streit, der ja nicht auf Gegenständliches in seinen Bildern verzichtet, in einer Programm-Galerie für nicht-figurative Kunst zu führen, und verteidigt diese Galerie-Entscheidung vehement. Und Job sagt dazu, Streit benutze die Figuration bildgliedernd. Dem kann ich zustimmen, da ich sehe, dass Streit seine Gegenstände - ich sage es mal ganz plakativ – dass der Künstler seine Gegenstände nicht etwa farbig „anstreicht" (hören Sie bitte die Anführungsstriche bei anstreicht!), sondern sie aus der Autonomie und Entfaltungskraft der Farbe wachsen lässt. Wohin die Reise bei diesem jetzt 42jährigen Künstler gehen könnte, darüber mag er selber schon nachgedacht haben, wir sehen es erst dann, wenn er sich entschieden hat und es uns zeigt. Interessant ist seine gegenwärtige Position eines Spagats zwischen Figur und Farbessenz allemal.

 

Ich sprach von der Fortentwicklung des Galerie-Programms. Die Übernahme monochromer, essentieller Malerei hat bei Bergner und Job nicht zum Verzicht auf die konstruktive Kunst geführt, aber wohl zum Verzicht auf einige Künstler dieser Richtung. So finde ich Klaus Staudt ebenso nicht mehr wie Wilding, wohl aber Sigurd Rompza und neuerdings – zuletzt mit einer Einzelausstellung in diesem Frühjahr – den Bildhauer Ansgar Nierhoff. Albrecht Fabri hat einmal sinngemäß gesagt, mit jedem neuen wichtigen Kunstwerk, das Aufmerksamkeit für sich beansprucht, müssen die schon vorhandenen Kunstwerke zusammenrücken. Das gilt übrigens für Kunstwerke und Künstler, das gilt global, das gilt aber erst recht für eine Programm-Galerie, die ihren Stammkünstlern alle zwei bis drei Jahre eine Ausstellung ihrer neuesten Werkphase verspricht, wie das dieses Haus tut und auf seiner Internet-Darstellung ausdrücklich betont.


Dabei ist die Galerie-Arbeit schwierig geworden. Nicht nur Bergner und Job klagen darüber, dass die Zahl der Galerie-Besucher stark abgenommen hat und die Geschäfte durch Teilnahme an den Kunstmessen gemacht werden müssen. Dabei sind die Kunstmessen letztlich für die Entwicklung der verwaisten Galerien verantwortlich. Mit ihrer enormen Anziehungskraft, auch hinsichtlich des Geldes, binden sie die Budgets vieler Kunstsammler, natürlich nicht der Großsammler, an sich, so dass für Galerie-Käufe wenig übrig bleibt. Und ein Großteil dessen, was auf den Kunstmessen ausgegeben wird, kommt ja nicht der Kunst, den Künstlern, den Kunsthändlern zugute, sondern sind Einnahmen der Messegesellschaften. Mit dieser Entwicklung haben die Erfinder der Kunstmessen nicht gerechnet. Ich habe die Art Cologne von ihren Anfängen 1967 an ganz regelmäßig und genauestens begleitet und hatte mehr und mehr den Eindruck, an ihr und den vielen Nachfolge-Gründungen würde die Galerie-Arbeit Schaden leiden. Schon zum 7. Kölner Kunstmarkt 1973 fragte ich einige prominente Galeristen, wie sie das sehen. Rudolf Zwirner, Mitbegründer des Kölner Kunstmarkts antwortete ganz zuversichtlich, der Kunstmarkt ersetze in keiner Weise die Galeriearbeit. Nur in der Galerie könne man das Terrain für die Durchsetzung junger oder unbekannter Künstler vorbereiten. Und Paul Maenz sagte sinngemäß, neue Kunst habe erstmal kein Publikum, die Arbeit für neue Kunst finde nicht ausgerechnet auf den Messen statt, müsse in den Galerien geleistet werden.

 

Inzwischen sind über drei Jahrzehnte vergangen, die Galerien klagen tatsächlich über Besucherschwund, organisieren – wie auch unsere Jubiläumsgalerie - weniger Ausstellungen im Jahr und setzen – trotz hoher Standmieten - auf die Kunstmessen, um dort auch das nicht heimische Sammler-Publikum zu erreichen. Dieser breitere Sammlerkreis wird zudem über Internet angesprochen, die Website von Bergner + Job registriert täglich 200 Besuche. Darin liegt eine Chance, denn das Internet ist nicht nur überregional, es ist weltweit einzusehen, und Bergner + Job versuchen diese Chance dadurch zu verdoppeln, dass sie über ihre Internet-Darstellung (oder sollte ich sagen Internet-Galerie?) nicht nur über die Arbeit ihrer Stamm-Künstler informieren, sondern auch verfügbare Werke anderer Künstler anzeigen, und zwar solcher Künstler, die das Galerieprogramm inhaltlich ergänzen. Das bedeutet zum Beispiel für die Ausstellung, die wir heute eröffnen, dass die meisten der hier gezeigten Arbeiten im Internet aufzufinden sein werden, auch diejenigen von Gotthard Graubner, Joseph Hughes und Mark Rothko, die keine Galerie-Künstler sind, deren Bilder aber im entsprechenden kunsthistorischen Koordinatensystem zu sehen sind. Diese virtuelle Präsentation soll für ein ganzes Jahr gelten, bis im November übers Jahr dann die dritte Auflage von Color Based Paintings den Platz in der Homepage der Galerie beansprucht. Alf-Krister Job nennt seinen Internet-Auftritt die Visitenkarte der Galerie.

 

Meine Damen und Herren, das Programm der BERGNER + JOB Galerie hat eine Ausrichtung, die ohne Zweifel sehr speziell ist. Aber wenn Spezialisierung und internationale Beachtung zusammenkommen, so liegt darin eine weitere Zukunft-Chance. Wie ich höre, besteht Aussicht, demnächst auch an der Pariser Kunstmesse FIAC teilzunehmen. Dass Sie, liebe Frau Bergner und lieber Herr Job, hier in Mainz gut gelitten sind, sehe ich am überaus regen Besuch heute und an dem Umstand, dass der Kulturdezernent der Stadt, Dr. Krawietz, und als Vertreterin der Landeskulturbehörde, Frau Dr. Fellbach-Stein, sozusagen im Doppelpack Ihr Jubiläum begleiten. Ich möchte den beiden Galeristen „Glück auf" zurufen und meinen Zuhörern für ihre Geduld danken. Die Ausstellung ist eröffnet.

 

 

 

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