Evelyn Bergner, Rede zur Ausstellungseröffnung, 4.2.2006
Liebe Paola, sehr geehrte Damen und Herren,
Herr Job und ich freuen uns, Sie zu unserer heutigen Ausstellungseröffnung mit neuen Arbeiten von A. Paola Neumann begrüßen zu dürfen, genauer gesagt mit Arbeiten aus den letzten drei Jahren.
Paola Neumann ist den meisten von Ihnen sicherlich bekannt, dennoch einmal verkürzt zusammengefaßt: Paola Neumann lebt und arbeitet in Berlin, studierte freie Malerei an der Hochschule der Künste Berlin; mit Abschluß als Meisterschülerin 1990; sie erhielt ein Nachwuchsförderungsstipendium des Senats von Berlin sowie das Künstlerinnenstipendium des Senats. Zu ihren Ausstellungen verweise ich auf den ausliegenden Katalog.
Hier in Mainz können Sie ihre Arbeiten unabhängig von unseren Ausstellungen auch bereits einmal in der Städtischen Galerie gesehen haben, und zwar 2001 im Brückenturm.
APN arbeitet in der Tradition der Nachmalerischen Abstraktion und der Konkreten Kunst. Man kann sie im weiteren Sinne den monochromen Malern zuordnen, aber eben nicht, wie auch Matthias Bleyl in seinem Katalogtext (Mies van der Rohe Haus, Berlin 1997) ausgeführt hat, zu jener Untergruppe, die in Ihrer Minimalisierung bis zur Verweigerung von Malerei reicht. In Neumann’s Arbeiten geht es um reine Malerei, um die Farbe an sich, und so möchte ich im folgenden auch am liebsten von "Farbmalerei" sprechen, da gerade bei diesen jüngsten Arbeiten der übliche Terminus "Farbfeldmalerei" oder "Farbformmalerei" nach meinem Empfinden nicht mehr trifft.
Wenn Sie hierzu einmal die Bildtitel betrachten, "Verwehungen von...", "Schlaglichter" oder "Unscharfe Rots" etc., sie alle betonen die Wirkung der Farbe und nicht ihre additive Reihung.
Das gewählte Feld, die Aufteilung des Bildträgers in zwei oder mehrere Farbflächen, dient lediglich der Gewichtung und Relativierung der Bildfarben. Dieses In-Nachbarschaft/ oder In-Relation-Setzen ist die kompositionelle und technische Voraussetzung zur Freilegung des Substanzcharakters der Farbe und zur Steigerung ihrer Bedeutung.
Erich Franz sprach diesbezüglich von der "Paradoxie.., daß Autonomie der Farbe erst im Abhängigkeitsverhältnis zu anderen Bildelementen erfahrbar ist." (in: Die Farbe hat mich; Essen, 2000)
Selbstverständlich sind dies alles keine neuen Themen der Malerei, sie sind viel diskutiert seit der Renaissance und werden ja auch immer wieder besonders von Vertretern der Konkreten oder Radikalen Malerei aufgegriffen (z.B. wenn G. Graubner Tizian zitiert oder J. Zeniuk sich auf Giotto bezieht).
Jener Substanzcharakter der Farbe, der sich aus der materiellen Beschaffenheit der ursprünglichen Malfarbe, der Faktur, der Art des Auftrags, der Weiterbehandlung, sprich mehrfacher Wiederholung des Auftrags, mit oder ohne Firnis etc., ergibt, in Verbindung mit der Wahl seiner Nachbarschaft führt schließlich beim Rezipienten zum Bewußtsein von der Farbe und zur Reflexion über die Farbe an sich.
So, wie Bewußtsein immer Bewußtsein von etwas ist, ist Farbe immer Farbe von etwas, die freie Farbe existiert in der Malerei nicht. (Vgl.. Johannes Pawlik: Theorie der Farbe; Köln, 1984)
So macht die Farbmalerei uns deutlich, daß wir nicht die Form oder Abstraktion (von etwas) brauchen, sondern lediglich die Farbe zur Bewußtwerdung der Farbe an sich als sich selbst genügender Bildgegenstand.
Auch wenn immer wieder darauf hingewiesen wird, daß Neumanns Farbmalerei nicht den Gesetzen der Farbtheorien folgt, kennt, beherrscht und dekliniert die Malerin sie für sich doch auf das Genaueste durch, um dann eben "haarscharf an ihnen vorbeischlittern" zu können.
Dieses "Vorbeischlittern" an bei uns allen verinnerlichten Gesetzmäßigkeiten von Farbsystemen ist es gerade, was für mich die Qualität und Spannung in Neumanns Arbeiten ausmacht.
Ihre Malerei macht keine Konzessionen an Gefühle und Auswahlkriterien wie Wohlgefälligkeit, Harmonie oder auch Effekthascherei, noch ist sie in der Kombination der Farbklänge unserer Erinnerung verpflichtet. Paola Neumann lotet beständig neue Farbwirkungen aus, konsequent und analytisch ohne geschmäcklerische oder, freundlicher formuliert, eine am allgemeinen Wohlempfinden ausgerichtete Bildatmosphäre anzustreben. Ihre Orange- oder Grüntöne, die Rots neben Pink oder Rosa neben Gelb, sind für den ersten Blick durchaus nicht immer nur angenehm, aber eben dieses Stutzen, Verharren und zwangsläufige Reflektieren, die nicht eingelösten Wahrnehmungskonventionen zwingen zum sogenannten "sehenden Sehen".
Nun könnte man noch vieles ansprechen, die Simultaneität der Bildwahrnehmung, wie sich Farbwahrnehmung löst von Formwahrnehmnung und Farbe Lichthaftes bekommt.
All diese Themen ließen sich sehr anschaulich vor diesen Arbeiten erörtern, aber schließlich geht es bei der hier gewählten und diesen Ausführungen zugrundeliegenden Methode der Bildbetrachtung um die nicht-begriffliche Eigenständigkeit des Bildes, um das "Mehrangebot des Bildes", wie Max Imdahl es nannte und um das eingeforderte sehende Sehen.
Und so möchte ich Ihnen nach diesen kurzen Anregungen und subjektiven Erfahrungen auch endlich hierzu wieder die Gelegenheit geben.
Vielen Dank!