Rolf Rose zu seiner Arbeit, Krempe / Hamburg Juli 2003
Violence
Der Beginn auf der leeren, weißen Leinwand ist reines Nirwana. Der erste Strich
ist nicht mehr, als eine Verletzung, eine Verdreckung der puren Schönheit von Weiß. Es ist der Wille, die Getriebenheit, etwas zu beherrschen (zu herrschen) eigentlich eine zutiefst menschliche Unmenschlichkeit, die einen dazu bringt, den ersten Strich zu führen. Danach ergibt sich eins aus dem anderen; so sieht es aus. Aber ist das wahr ?
Was ist Kontrolle durch den Verstand? Was ist Impuls? Wieviel Verstand ist im
Impuls ? Wer oder was kontrolliert wo, die Interaktion zwischen Auge und Verstand, ist es überhaupt eine kontrollierte Interaktion? Ist das Auge zu schnell für die langsame Hand, überholt es gar die ausführende Hand (die ja durchaus ihren eigenen Anteil am Geschehen hat, da sie eine Art intuitives Vorwissen zu besitzen scheint) und läßt es diese nur lückenhaft und damit in Sprüngen arbeiten, sodaß das Resultat unvollständig und bruchstückhaft ist? Ist es das, weshalb so oft ein Ungenügen beim Betrachter von Bildern zurückbleibt?
Die brodelnde Dramatik in der Gemengelage aus Erfahrungen innerhalb des Metiers und der hochkomplexen Problemstellungen in der Vorgeschichte und den Vorbildern ist enorm.
Das bloße, kalte Kalkül wird nichts zustande bringen ohne Beteiligung und
Inanspruchnahme der Risikofaktoren Psyche, Gemüt, der ganzen Person. Dazu kommen Ort, Zeit, Sprache. Ein Gemälde ist etwas anderes als ein Bild, als ein painting, ein Schilderen, als una pittura, als le cadre. Dadurch werden schon dieIntentionen verändert. Woher kommt die Intention, der Impuls, der Antrieb?Was steuert das Auge, die Hand? Was beeinflußt all diese unendliche Vielfalt von Faktoren ?
Malen ist Denken, ist anschaulich gemachtes Denken, in die Welt gebrachtes Denken, personalisiertes objektiviertes, kontrolliertes Bewußtsein. Das klingt unglaublich gut, nützt aber für die Bildfindung im Grunde nichts.
Verkrüppelt, mit Haltungsschäden trample ich im Drum und Dran des Bildes, diesem Corpus hermeticum, herum. Monoman mit Tunnelblick versuche ich dem Bild in seiner Stellvertreterfunktion Welthaltigkeit und Ethos abzutrotzen. Gelingt es, ist es Manna. Der Rahmen und die gespannte weiße Leinwand sind all unsere Welt,
unser Weltall"