Andrea Springer, Pressebericht, Wiesbadener Tagblatt, 20. juli 2001
Leichte Spuren in Kreide
Emil Schreiber stellt an drei Standorten in Mainz und Wiesbaden aus
Nichts ist so frei wie die einfach fließende Linie. In der Natur als solcher nicht vorkommend, bildet sie die direkte Verknüpfung des Geistes zur Hand. Nicht umder Darstellung eines Gegenständlichen willen formt Emil Schreiber seine leichten Spuren in Kreide, Graphit oder Kohle. Die Natur seiner Zeichnung ist frei. "Ohne Vorbedacht" geht er mit bloßem Tuschholzoder direkt aus der Tube zu Werke. Schnörkellos ergeben sich im Darüberfahren über das Papier, im Erspüren der Reibung zwischen Malmaterial und Grund,feine Strukturen, die in der Wiesbadener BERGNER+JOB GALERIE in Verbindung mit Rudolf J. Kaltenbachs Skulpturen zu sehen sind.
Der Schwung gestischerMalerei und die spürbar werdende Energie, die sich im Stein bewahrt, an dem der Hochheimer Bildhauerarbeitet, sind hier in Kontrast gesetzt. Unendlichdie Form in Granit gehauen - die Struktur des Moments bewahrend, die Linie. Bewegungsenergie, darin ergänzensich beide, äußert sich in der Linie, die auf nichtsals sich selbst verweist, wie in der Form.
Eigenwillige Figuren - ohne dass sie auf ein Äußeres deuten würden, Ästchen, die sich als Bewegungslinien entpuppen, bringt der 1945 in Bochum gebürtige Zeichner zu Papier. Zart, wie einzelne Takteunhörbarer Musikstücke, wölben sich die Lineamente. Auf weicher abgestufte Grautöne trifft der Besucher der Ausstellung bei "Bergner+Job" in Mainz. Kaumlässt der Strich hier eine Zuordnung zu den verschiedenen Materialien zu. So konturiert Schreiber auch mit Kohle so hart, als wäre es ein Farbstift,allein in den Grauwerten lässt sich das Material unterscheiden. Weichheit und Körnigkeit deuten auf Graphit oder Tusche und Stift. Doch ist die Unterscheidung des Materials für den Betrachter auch nicht ausschlaggebend. Für Schreiber wohl, denn stimmt die Intuition nicht mit der Auswahl des Materials überein, funktioniert die Zeichnung nicht. Keine Retusche ist möglich, nichts wird überarbeitet. Das Blatt wird aussortiert. Am fertigen Werk findet die Entscheidung statt. So ist der Anfang wichtig. Und doch steigt Schreiber, der mit 16 Jahren bei Hans-Jürgen Schlieker, einem Maler des Informel, in die Schule ging, einfach ein - ohne zu überlegen, etwas Bestimmtes malen zu wollen. Die Hand führt. Vielleicht ließe sich auch sagen, sie gibt den Takt an, begann der Zeichner sein Werk doch mit experimenteller Musik und grafischen Notationen.
Musik begleitet seine Notate, in seinem Lebenslauf tauchen Namen wie Karlheinz Stockhausen oder Mauricio Kagel auf. Der Hinweis auf die experimentelle und elektronische Musik lässt die Schwingungen, die sich in seinem zeichnerischen Werk mitteilen, in einem verständlicheren Licht erscheinen.
In der Ausstellung im Mainzer Landesmuseum wird die Entwicklung Schreibers deutlich. In einer gewagten Gegenüberstellung zeigt das Museum mit Schreiber den Preisträger des Paul-Strecker-Preises 1999, Sven Kroner. Gewagt insofern, als die riesenhaft dimensionierten Gefilde, die Kroner in Acryl in den Raum stellt, die feine Skriptur Schreibers erschlagen könnte. Doch so fragil die Zeichen auch scheinen, sie sind es nicht. Sie halten stand und rufen den Betrachter zur Besinnung auf sein Inneres.
Mit Werken, die sich über die Jahre von 1984 bis heute erstrecken, wird der Weg der Reduktion deutlich. Sogar ein kleiner Einblick in Schreibers karges Atelier wird gewährt, der den Ausgangspunkt der Zeichnungen, die nicht auf Äußeres gerichtet sind, klar vor Augen stellt. Komplexe Flächen, mit der Rohfeder gezeichnet, bilden die Anfänge. Rasiermesserscharfe Durchbrüche legen Linien frei, ein Flor entsteht. Immer weiter bricht er diese Flächen auf, bis er zum freien Lineament gelangt. Signaturen der Bewegung: Fast hörbar der Strich, der über das Papier zieht, die Wendung, die er nimmt, wie er sich ausbreitet und auf der Fläche reibt. In jüngster Zeit bricht sich ein neues Element Bahn. Nicht mehr nur Rabenschwarz, Platin- und Elfenbeinschwarz und ihre tausenderlei Abstufungen erscheinen auf dem Bildgrund. Mit Rötel konjugiert Schreiber seine Malweise nun. Ein neuer Ton erklingt.